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Reformiert - was ist denn das?

 

Sieben Besonderheiten der evangelisch-reformierten Kirche
(Jochen Pitsch)

 

 

 

Von der lutherischen Reformation unterscheidet sich die reformierte bei vielen Gemeinsamkeiten in einigen nicht unwesentlichen Punkten. Insgesamt ist von den Reformierten eine striktere Trennung von der katholischen Kirche vollzogen worden. Genannt seien hier:
 

1. Das Kirchenverständnis:
  Für Reformierte beginnt Kirche grundsätzlich bei der Gemeinde, ihren Gliedern und deren unterschiedlichen Gaben. Für sie gilt: Kein Gemeindeglied über den anderen, keine Gemeinde über den anderen, kein Amt über anderen. Kirchenleitungen (Presbyterien) üben ihren Dienst im Auftrag der Gemeinden und ihrer Zusammenschlüsse, der Synoden, aus. Auch die Pastoren stehen den Gemeinden nicht als 'Amtsträger' mit besonderen Weihen gegenüber, sondern üben einen Dienst aus, zu dem die Gemeinde sie berufen hat. Entsprechend können reformierte Kirchenleitungen keine Pfarrstelle besetzen - das können nur die Gemeinden durch Wahl.
 
2. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes
 

steht - bei sehr einfacher Liturgie - die Predigt als Verkündigung des Gotteswortes. Ihr erster Hörer ist der Prediger selbst.
 

3. Reformierte Kirchen anerkennen
  die altkirchlichen Bekenntnisse wie z.B. das apostolische Glaubensbekenntnis. Aber jedes Bekenntnis steht unter dem Vorbehalt besserer, aus der Bibel gewonnener Erkenntnisse. Bekenntnisse haben für Reformierte darum keinen absoluten und ewigen Geltungscharakter. Für viele Reformierte ist darum die Barmer theologische Erklärung von 1934 verbindlicher als Bekenntnisse, die in der Reformationszeit oder sogar vor 1800 Jahren und mehr formuliert wurden.
 
4. Reformierte Christen verstehen
 

die Sakramente Taufe und Abendmahl mit dem Heidelberger Katechismus, einem ihrer Bekenntnisbücher, als "Wahrzeichen und Siegel". Sie glauben nicht, dass sich unter den segnenden Worten eines Priesters Brot und Wein im Abendmahl zu einer besonderen Speise und das Taufwasser zu einem geweihten Wasser verwandeln. Die Zeichen bleiben, was sie sind. Worauf sie verweisen, ist wichtig. Das Abendmahl verweist auf die Lebensgemeinschaft, die unser Gott mit uns eingeht und die wir an und in Jesus Christus erfahren. "So wahr wir miteinander essen und trinken, so wahr nimmt uns unser Herr in seine Lebensgemeinschaft hinein" (Heidelberger Katechismus, Fragen 66 und 76). Und die Taufe zeigt uns, dass wir uns vor Gott rein fühlen dürfen, weil unser Menschsein nicht unter seinem Fluch, sondern unter seiner Vergebung steht.
 

5. Reformierte Christen sehen
  sich verantwortlich für die Welt, in der sie leben. Das gilt auch für den politischen wie für alle anderen Bereiche. Sie sind überzeugt, dass Gott nicht der Kirche die geistliche Macht und den weltlichen Obrigkeiten eben alle weltliche Macht anvertraut hat - und jeder den anderen bei seiner Machtausübung in Ruhe lassen sollte. Weil Kirche nicht eine weltabgehobene Institution ist, sondern aus normalen, in dieser Welt lebenden Menschen besteht, haben diese Menschen das Recht und die Pflicht, sich als Christen in alles einzumischen, was sie und andere betrifft, allein und / oder gemeinsam. Kirche redet nicht erst, wenn ein Bischof oder eine Kirchenleitung etwas sagt, sondern wenn ein Christ oder mehrere Christen ihren Mund auftun.
 
6. Reformierte Kirchen haben
  darum im allgemeinen auch keine Bischöfe. In einigen Ländern haben weltliche Obrigkeiten diese Ämter erzwungen, z.B. in Ungarn und Rumänien, weil die österreichischen Kaiser damals meinten, nur mit auch titelmäßig herausgehobenen Würdenträgem reden zu können.
 
7. Reformierte Kirchen sind
 

in der Regel bilder- und kruzifixlos. Das 2. biblische Gebot fordert es so (2. Mose 20). Kein menschengemachtes Bild kann Gott zutreffend und gültig beschreiben. Natürlich machen wir uns auch in unseren Gedanken Bilder und Vorstellungen von Gott. Das ist unvermeidbar. Aber über Gedanken kann ich reden und sie korrigieren. Ein Bild ist statisch, macht eine bleibende Aussage. Mit Juden und Muslimen zusammen nehmen wir das Bilderverbot ernst.

 

 

   

Dauerauftrag "Reformiert"
(Gottfried Wehr)

Wie verstehe ich mich als Reformierte/r, hier in Göttingen in der "Refo", die 2003 ihren 250. Geburtstag feiert? Was tragen Reformierte im "Konzert" mit anderen christlichen Kirchen in der weltweiten Ökumene bei: theologisch, gesellschaftlich? "Reformiert" - woher? wozu?

Mit dem Beginn der Reformation 1517 durch Luther in Wittenberg und 1541 durch Calvin in Genf waren die Kirchen erneuert = "reformiert". Mit "Reformiert" meinten die Kirchen der Reformation aber keine Selbstbezeichnung ("Wir sind die Erneuerten"!), sondern eine bleibende Aufgabe, den "Dauerauftrag": Die Kirche, die erneuert ist, muß sich immer wieder erneuern lassen (Ecclesia reformata semper reformanda).

 

Tödliche Krankheiten
 

Eine neue christliche "Konfession" wollten die Reformatoren Martin Luther und die reformierten "Väter" Ulrich Zwingli und Johannes Calvin nicht ins Leben rufen. Sie wollten die bestehende "eine heilige katholische und apostolische Kirche" von Grund auf (Luther: "an Haupt und Gliedern") erneuern. Calvin sah in dieser Erneuerung das Ziel, die Kirche "von tödlichen Krankheiten zu reinigen". Tödlich für die Kirche war ihre innere und äußere Loslösung vom Wort Gottes als einziger Autorität. Daher erklärt sich der leidenschaftliche Wille der Reformatoren, das Wort Gottes als Maßstab und Mitte des Lebens wieder zur Geltung zu bringen. Nach Luthers Tod 1546 galt Calvin als der von allen anerkannte Sprecher der Evangelischen, und "reformiert" war sinnverwandtes Wort für "protestantisch" oder "evangelisch". Erst nachdem die eng an Luthers Lehre gebundenen Gemeinden sich "lutherisch" nannten, taucht (offiziell 1648, nach dem 30jährigen Krieg im Osnabrücker Friedensvertrag) der Ausdruck "reformiert" als Konfessionsbezeichnung auf.

 
 
 
Das "Hugenottenkreuz" entstand vor 1680 in der südfranzösischen Stadt Nîmes. Es war Erkennungs- und Kampfabzeichen der französischen Reformierten und ist heute weltweit das reformierte Symbol. Die Taube gilt als Sinnbild des Heiligen Geistes (Markus 1,10). Die stilisierten Lilien in den Kreuzwinkeln sind auch in den Wappen des hugenottenfreundlichen bourbonischen Hochadels zu finden. Die acht Kügelchen auf den Spitzen der Kreuzarme werden als Tränen gedeutet, die in Zeiten furchtbarster Glaubensunterdrückung geweint wurden.

 

 

RPR - ein Schimpfwort
  Reformierte, von Calvin geprägte Gemeinden entstanden im 16. Jahrhundert in der Schweiz, in Süddeutschland, in der Pfalz, in Hessen, am Niederrhein, in Ostfriesland, in den spanischen Niederlanden und besonders in Frankreich. Hier werden die "Hugenotten" besonders nach 1685 durch den katholischen König Ludwig XIV. schwer verfolgt.In Frankreich geht der Ausdruck "Reformierte Kirche" wahrscheinlich zurück auf eine katholische Schmähschrift, die von der "angeblich reformierten Religion" sprach (RPR = Réligion Prétendue Réformée). Die hugenottischen Evangelischen haben diesen Titel für sich übernommen: "Église réformée".
 
Asylanten auch in Göttingen
  Nach 1685 kommen über 40.000 Hugenotten als Glaubens-Asylanten nach Deutschland. Sie siedeln nach dem "Edikt von Potsdam" (1685) in Brandenburg, dessen Fürst reformiert ist, in der Pfalz, in Hessen (z.B. Karlshafen) und im späteren Königreich Hannover. Sie begründen hugenottisch-reformierte Gemeinden in Hannover, Hameln, Celle. Einige der Asylsuchenden kommen auch nach Göttingen.
 
Schweizerische "Importe"
  Die Göttinger Reformierten verdanken die Begründung ihrer Gemeinde jedoch nicht einem der um 1750 hier lebenden Hugenotten, sondern einem schweizerischen "Import", dem vom König von Hannover an die junge Göttinger Universität geholten reformierten Albrecht von Haller, Professor für Botanik, Medizin und Anatomie. Er ließ die 1753 fertiggestellte Reformierte Kirche bauen - für die wenigen reformierten Handwerker und die hugenottischen Universitäts-Angehörigen, für die reformierten Studenten aus Frankreich, Holland, England und dem angrenzenden "Hessischen". Von Haller konnte nicht ahnen, dass an "seine" Universität Göttingen 1924/25 ein schweizerischer Reformierter kommen würde, der als bedeutendster protestantischer Theologe des 20. Jahrhunderts gilt: Karl Barth.
   
 
 
 
  
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