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„Die Entstehung
und die Entwicklung reformierter Kirchen in Europa“
Lektion 5 der Vorlesungsreihe von Dr. Georg Plasger, Göttingen
In dieser Lektion wird versucht, einen Einblick in das Werden
der reformierten Kirchen in Europa abgesehen von Deutschland zu
geben. Die reformierte Kirche in Deutschland hat sich anders als
anderen europäischen Ländern sehr unterschiedlich entwickelt,
was auf die uneinheitliche, ja zerrissene politische Lage in Deutschland
zurückgeht ("Flickenteppich") ...
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Wie in den Lektionen 2 und 3 ausführlich dargestellt, hat
der Beginn der reformierten Reformation auf dem Boden der heutigen
Schweiz stattgefunden, in Zürich zunächst (hier ist an
Ulrich Zwingli zu erinnern) und mit einem Höhepunkt dann in
Genf (hier ist an Johannes Calvin zu erinnern); gleichwohl gehörte
Genf zu Calvins Zeiten noch nicht zur Eidgenossenschaft. Die Eidgenossenschaft
der Schweiz ist bis heute durch eine Selbständigkeit der einzelnen
Städte und Länder (Kantone) gekennzeichnet. Zürich
führte die Reformation im Jahre 1523 durch. Andere Städte
folgten, so z.B. Bern 1528 und Basel 1529. In anderen Kantonen
konnten die einzelnen Gemeinden selbst entscheiden, ob sie die
Reformation durchführen wollten oder nicht (so etwa in Appenzell,
Graubünden und Glarus). Andere Orte in der Eidgenossenschaft
blieben römisch-katholisch. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen
zwischen den evangelischen und katholischen Ständen, deren
unrühmlicher Höhepunkt die Niederlage der Evangelischen
1531 in Kappel bei Zürich war; hier starb auch der Reformator
Ulrich Zwingli. Von den insgesamt 13 Ständen der Eidgenossenschaft
waren 1531 sieben römisch-katholisch, vier waren reformiert
und in zweien gab es beide Konfessionen. Es gelang Heinrich Bullinger,
dem Nachfolger Zwinglis, und Johannes Calvin, ein Auseinanderdriften
der verschiedenen Richtungen der reformierten Reformation in der
Schweiz zu verhindern, so dass sich nicht ein zwinglischer und
ein calvinscher Typ von Reformation nebeneinander entwickelte.
Wichtigstes Dokument dieser Einigung in der Abendmahlsfrage ist
der 1549 entstandene "Consensus Tigurinus" (Zürcher
Konsens) - eigentlich kann man erst von da an von der Existenz
einer reformierten Kirche reden.
Heinrich Bullinger verfasste 1566 ein von fast allen Kirchen der
deutschsprachigen Schweiz angenommenes Bekenntnis, die Confessio
Helvetica posterior (Zweites Helvetisches Bekenntnis), ausführlich
dazu in der Lektion 6. Neben dem Bekenntnis wurde auch die katechetische
Arbeit intensiviert; in Zürich verfasste der Reformator Leo
Jud einen in Zürich für mehrere Jahrhunderte gebräuchlichen
Katechismus. In anderen Orten wurde der Heidelberger Katechismus
eingeführt. 1531 erschien ebenfalls in Zürich eine eigene
vollständige Bibelübersetzung, die sogenannte „Zürcher
Bibel“, die gegenwärtig in einer neuen Übertragung
erscheint.
Strukturelle Veränderungen ergaben sich in den Schweizer Kirchen
für mehrere Jahrhunderte kaum. Die früheren bischöflichen
Funktionen wurden weitgehend von der staatlichen Obrigkeit wahrgenommen.
Die reformierten Kirchen blieben nebeneinander existierende selbständige
Kirchen, die sich erst 1920 zu einem Kirchenbund (= Schweizerische
Evangelischer Kirchenbund / SEK)zusammengeschlossen haben, ohne
dass sie ihre Selbständigkeit verloren hätten. Im 19.
Jahrhundert allerdings gab es in einzelnen Kantonalkirchen Separationen.
Die Kirchen waren weitgehend durch liberale theologische Strömungen
geprägt, die ihrerseits der Aufklärung nahestanden. Dieser
Liberalismus in den Kirchen hatte u.a. zur Folge, dass in den reformierten
Kirchen der Schweiz die Bindung an die Bekenntnisse (z.B. an das
Apostolische Glaubensbekenntnis oder an das Zweite Helvetische
Bekenntnis) aufgegeben wurden. Im Gefolge dieser Entwicklung kam
es in einigen Kirchen beinahe, in anderen tatsächlich zu Kirchenspaltungen,
z.T. in Zusammenhang mit Erweckungsbewegungen, so etwa in den Kantonen
Waadt oder Neuenburg (hier ergaben sich 1966 bzw. 1943 wieder Zusammenschlüsse)
oder auch im Kanton Genf, wo es bis heute eine kleine reformierte
Freikirche neben der Landeskirche gibt.
In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann in den Schweizer
Kirchen eine allmähliche Lösung des bis dahin sehr engen
Verhältnisses von Staat und Kirche; deutlicher und früher
ist diese Tendenz in der französisch-sprachigen Schweiz erkennbar.
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2. Die Entwicklung
der reformierten Kirche
in
Frankreich
nach 1598
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Im Jahre 1598 (für die Zeit vor 1598 vgl. Lektion 3) verkündete
der französische König Heinrich IV. das Toleranzedikt von
Nantes. Diese Verfügung läutete eine Epoche relativen Friedens
der französischen Reformierten ein. Heinrich IV., der nur unter
Aufgabe seines eigenen reformierten Bekenntnisses König werden
konnte, kann in gewisser Hinsicht sogar als Schutzherr der Reformierten
angesehen werden. Denn mit dem Edikt von Nantes wurde in erstmals
in einem europäischen Land der Grundsatz: „cuius regio
eius religio“ (= wem das Land gehört, der bestimmt auch über
die Religion seiner Untertanen) durchbrochen, eine andere als die
römisch-katholische Konfession bekam ihr Existenzrecht; Frankreich
war ein multikonfessioneller Staat geworden.
Freilich waren beide Konfessionen nicht gleichberechtigt, vielmehr
wurde den Reformierten manches genehmigt: sie durften an sehr vielen
Orten Gottesdienst feiern, sie durften Kirchen und Schulen bauen
und sogar Akademien (etwa in Montauban, Sedan und Saumur). Selbst
ihre ehemaligen Garnisonen mussten sie nicht einfach abgeben, sondern
durften sie für einige Jahre noch behalten. In der ersten Hälfte
des 17. Jahrhunderts gab es in Frankreich ca. 850 000 Reformierte,
das entspricht ca. 4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Reformierte
Gemeinden entstanden vor allem in der Normandie, im Umkreis von La
Rochelle am Atlantik, im Languedoc und in den Cevennen in Südfrankreich.
Der Adel war überdurchschnittlich stark vertreten; darin liegt
wohl ein nicht zu unterschätzender Grund für die Toleranz
des Staates.
Diesen Zugeständnissen des Staates stand ein Misstrauen vieler
Franzosen zur neuen Religion gegenüber, die sich immer wieder
auch in Übergriffen und Verfolgungen ausdrückte. Auch gab
es beträchtliche Gruppen in der politischen Führung Frankreichs,
die die Politik Heinrichs IV. für falsch hielten. Nach der Ermordung
von Heinrich IV. im Jahre 1610 änderte sich zunehmend das Klima
zu Ungunsten der Reformierten. Heinrichs Nachfolger, Ludwig XIII.,
der aufgrund seines Alters faktisch erst 1617 die Macht übernahm,
arbeitete mit dem Ziel einer vorläufigen politischen Beruhigung
in Frankreich, ließ aber nie einen Zweifel daran, dass er letztlich
an der Beseitigung der reformierten Konfession interessiert war.
Sein Minister Richelieu sorgte deshalb dafür, dass 1629 noch
einmal die religiösen Freiheiten des Edikts von Nantes bestätigt
wurden; das geschah aber schon vor dem Hintergrund der zunehmenden
einzelnen Verfolgungen. Nach dem Todes Ludwigs XIII. kam der als
Sonnenkönig bekannte Ludwig XIV. auf den französischen
Thron; aufgrund seines Alters regierte er ab 1661. Und seit 1659 änderte
sich die Politik gegenüber den Reformierten deutlich. Zunächst
wurden die Generalsynoden verboten. Was folgte, sind Schikanen: Gottesdienste
wurden überwacht; Eltern hatten für ihre Kinder nur noch
begrenzte Entscheidungsgewalt im Hinblick auf die Religion; Menschen,
die zum Katholizismus konvertierten, bekamen Privilegien zugestanden;
Reformierte konnten nicht mehr alle Berufe ergreifen. Immer häufiger
gab es gewaltsame Übergriffe gegen reformierte Familien, wobei
die staatliche Gewalt dies häufig tolerierte oder wegsah.
Schließlich wurde im Jahre 1685 das Edikt von Fontainebleau
verkündet: die Aufhebung des Edikts von Nantes. Damit waren
den Reformierten in Frankreich alle bisherigen Zugeständnisse
gestrichen. Alle Kinder müssen hinfort am römisch-katholischen
Katechismusunterricht teilnehmen. Die reformierten Kirchen wurden
zerstört, die Pastoren wurden ausgewiesen. Alle anderen durften
jedoch das Land nicht verlassen; dies hatte auch ökonomische
Gründe seitens des Staates. Bei Nichtbefolgung drohte die
Galeerenstrafe.
Diese Anordnung von Ludwig XIV. hatte katastrophale Konsequenzen
für das gesamte Reformiertentum in Frankreich. Es gab zahlreiche
Konversionen, auch unter den Pfarrern; dabei waren viele jedoch Scheinkonversionen.
Andere widerstanden, teilweise auch mit Waffengewalt. Mehr als 1500
Reformierte wurden zu Galeerenstrafen verurteilt. Vor allem aber
setzte nach 1685 eine massenhafte Flucht vieler reformierter Hugenotten
ein: Ca. 200 000 Menschen flohen heimlich ins Ausland, vor allem
in die Schweiz, die Niederlande, England und in verschiedene deutsche
Länder (vor allem Brandenburg – vgl. dazu Lektion 4).
Damit war die Reformierte Kirche in Frankreich zwar geschwächt,
jedoch nicht zerstört. Sie lebte in den ersten Jahren nach 1685
im Untergrund heimlich weiter und bildete die „Kirche in der
Wüste“. Vor allem in den Cevennen trafen sich die Hugenotten
heimlich zu Gottesdiensten. Hoffnungen auf Rücknahme des Edikts
von Fontainebleau zerschlugen sich, und in der Folge erstand 1702
bis 1704 im Süden Frankreichs ein breiter Aufstand, der auch
als Camisardenkrieg oder Cevennenkrieg bekannt wurde. Deutlich wurde
darin jedenfalls, dass das Ziel des französischen Staates, die
Protestanten auszurotten, gescheitert war. In der ersten Hälfte
des 18. Jahrhunderts geschah die Verfolgung der Reformierten dann
nicht mehr so systematisch und nicht in ganz großer Breite:
Phasen relativer Ruhe wechselten sich mit Verfolgung und Unterdrückung
ab. In den Städten gab es kaum Reformierte, auf dem Lande aber
existierten die Gemeinden weiterhin; oft feierten sie Gottesdienste
in Schlössern reformierter Adliger. Ab 1750 begann eine Reorganisation
der reformierten Kirche, Synoden wurden abgehalten. 1787 schließlich,
gut einhundert Jahre nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, wird
den Reformierten das Bürgerrecht zuerkannt.
Bis zur französischen Revolution 1789 wuchs die reformierte
Kirche in Frankreich auf knapp eine Million Glieder an. Nachdem in
der französischen Revolution zunächst Kultfreiheit in der
Verfassung festgeschrieben wurde, bedeutete die Radikalisierung der
französischen Revolution 1793 die Unterdrückung auch der
reformierten Kirche. Diese kurze Episode verursachte eine erhebliche
Schwächung der reformierten Kirche; von ehemals 205 Pastoren
vor 1789 gab es 1794, als der Neuaufbau der reformierten Kirche
in Angriff genommen wurde, nur noch 120.
Mit Beginn der Herrschaft Napoleons I. 1799 änderte sich die
Lage. Zwar gestand Napoleon den Protestanten das Existenzrecht zu,
aber gleichzeitig wandte er sich gegen die Eigenständigkeit
der Kirche. Nationalsynoden waren nicht vorgesehen. Die Kirche wurde
vom französischen Staat in Distrikte eingeteilt, in achtzig
Konsistorialkirchen mit je ca. 6000 Gemeindegliedern. Das hatte zur
Folge, dass viele ehemals selbständig existierenden Gemeinden
in größere Einheiten integriert wurden, weil Ortsgemeinden
rechtlich nicht anerkannt waren. Die Pfarrer wurden vom Staat besoldet,
Konversionen waren nicht erlaubt: der Staat reglementierte das
kirchliche Leben.
Als Gegenbewegung zum starken staatlichen Einfluss erwuchs ab 1817
die Erweckungsbewegung (Reveil), die zu Neugründungen von Gemeinden
führte; nach 1848 wurde diese Erweckungs- und Evangelisationsbewegung
vor allem von kirchenunabhängigen Gesellschaften und teilweise
auch Freikirchen verantwortet – eine Integration dieser neuen
Gemeinden in die reformierte Kirche Frankreichs gelang nur in wenigen
Fällen.
Das Nichtvorhandensein einer nationalen Synode führte im 19.
Jahrhundert auch dazu, dass sich verschiedene Strömungen innerhalb
der evangelischen Kirche verselbständigen konnten. Der Ruf nach
einer Union wurde laut, und 1872 wurde die erste französische
nationale Synode seit 1559 einberufen. Dort kommt es jedoch nicht
zur Einigung, sondern zur offiziellen Trennung: die eher orthodoxe
Reformierte evangelische Kirche (Eglise réformée évangélique)
und die liberalere Reformierte Kirche (Eglise réformée)
existierten nebeneinander und hielten auch je selbständige
Synoden ab.
1905 wird der Bund protestantischer Kirchen in Frankreich (Fédération
Protestante de France) gegründet, zu dem alle reformatorischen
Kirchen in Frankreich gehören. Die Annäherungen der verschiedenen
reformierten Kirchen führte 1938 zu einem Zusammenschluss und
damit zur Neugründung der reformierten Kirche in Frankreich.
Dieser Reformierten Kirche gehören heute ca. 180 000 Mitglieder
in 350 Gemeinden an; daneben gibt es noch die Reformierte Kirche
von Elsaß und Lothringen, zu der ca. 33 000 Menschen in 52
Gemeinden gehören. Da Elsaß und Lothringen erst später
Teile Frankreichs wurden, hat sich die Reformierte Kirche dort etwas
anders entwickelt; hier gibt es auch eine stärkere evangelisch-lutherische
Kirche, mit der die reformierte Kirche von Elsaß-Lothringen
eng zusammenarbeitet.
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3. Die Niederlande
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Das Gebiet der heutigen
Niederlande ist nicht identisch mit den Niederlanden zur Reformationszeit;
vielmehr schließt dieses das heutige
Belgien und Luxemburg mit ein. Die ersten evangelischen Märtyrer
wurden 1523 in Brüssel auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bis
etwa 1560 wird man von einem Nebeneinander verschiedener reformatorisch
gesonnener Gruppen und Strömungen ausgehen müssen; sie
wurden vor allem im Süden der Niederlande heftig verfolgt.
Es gab eine ganze Reihe von Geistlichen und Gebildeten, die von
erasmischen Strömungen und auch von Luther beeinflusst waren.
Daneben existierten ab ca. 1530 verschiedene Gruppen der sogenannten
Täufer, aus denen zu wesentlichen Teilen auch die Täuferherrschaft
in Münster 1534/1535 erwuchs. Nach der Zerschlagung des Täuferreichs
in Münster wurden die Täufer verfolgt; erst ab ca. 1550
entstanden in der zweiten Generation mit Menno Simons, nach dem
die Mennoniten benannt sind, und anderen neue täuferische
Kreise, die auch Gemeinden gründeten.
Ab etwa 1550 bauten die Reformierten vor allem im Süden der
Niederlande eine eigene Kirche im Untergrund auf; sie nannten sich
nach dem Vorbild der Hugenotten „Kirchen unter dem Kreuz“.
Dabei war die Kirche in Emden für die Pastoren, die in den Niederlanden
umherreisen, entscheidend – sie wurde darum auch „moederkerk“ (Mutterkirche)
genannt. 1561 verfasste Guido de Brés die Confessio Belgica
(Niederländisches Bekenntnis), das zum Teil auf die Confessio
Gallicana zurückgeht. Im Entstehungsjahr des Heidelberger Katechismus
1563 wird dieser ebenfalls ins Niederländische übersetzt – beide
Dokumente bildeten den Grundstock niederländischer reformierter
Lehre.
Die Teilung der Niederlande beginnt 1566. Der spanische Herzog Alba
marschierte im Auftrag des spanischen Königs Philipp II., der
Landesherr war, in den Niederlanden mit dem Ziel der Unterwerfung
der Reformierten ein. Es regte sich jedoch kräftiger Widerstand
unter Führung von Wilhelm von Oranien (1533-1584) mit der Folge
des achtzigjährigen Krieges (1568-1648); der Süden (das
heutige Belgien und Luxemburg) blieb 1648 spanisch und damit römisch-katholisch.
Der Norden hingegen, die heutige Niederlande, war konfessionell plural
geprägt, wobei die reformierte Konfession privilegiert wurde.
Die reformierten Gemeinden trafen sich erstmals 1568 zum sogenannten
Weseler Konvent (also im niederrheinischen Ausland); in Emden fand
1571 die erste Synode statt – von da an kann man von einer
niederländischen reformierten Kirche sprechen. Auf der Emder
Synode wurde eine für die späteren reformierten Gemeinden
der Niederlande vorbildliche Kirchenordnung beschlossen. ...
Bald nach 1571 fand auch die Organisierung der verschiedenen Gemeinden
statt; es wurden Provinzialsynoden gebildet und 1578 fand die erste
niederländische Generalsynode statt. Schon früh wurde deutlich,
dass die Reformierten in den Niederlanden nicht auf einen einheitlichen
Ursprung zurückblicken konnten; vielmehr gab es verschiedene
Personen, an denen man sich orientierte. Das war vor allem Calvin,
daneben aber auch Zwingli und Erasmus. Diese verschiedenen Orientierungen
führten zu einem heftigen Streit. Der Leidener Professor Jacobus
Arminius vertrat die Auffassung, dass die Prädestination (Erwählung)
der Menschen geschehe, weil Gott ihren Glauben vorausgesehen habe.
Sein Gegner, der ebenfalls in Leiden lehrende Franciscus Gomarus,
vertrat dagegen die Auffassung, dass der Glaube nur denen gegeben
werde, die von Gott auserwählt seien. Theologischer Hintergrund
war die Frage nach dem Verhältnis von göttlichem Handeln
(Erwählung) und menschlichem Handeln (Glaube), die als miteinander
konkurrierend gedacht wurden. Beide Theologen gewannen viele Anhänger.
Sowohl die Remonstranten (Anhänger des Arminius) wie die Contra-Remonstranten
(Anhänger des Gomarus) reichten Bittschriften beim niederländischen
Staat ein. 1618/19 fand in Dordrecht eine Generalsynode statt, die
zugunsten der Contra-Remonstranten entschied. In der Folge bildete
sich neben der Reformierten Kirche eine kleinere bis heute bestehende
Remonstrantenkirche (Remonstrantsche Broederschap).
Im 17. Jahrhundert, das auch das „Goldene Zeitalter“ der
Niederlande genannt wird, entwickelte sich die Reformierte Kirche
mehr und mehr zur Staatskirche. Es erschien die „Statenvertaling“,
die niederländische Bibelübersetzung, deren Einfluss auf
die Kultur und Sprache durchaus mit der Lutherübersetzung in
Deutschland vergleichbar ist. In der Theologie entstand in Aufnahme
aristotelischer Philosophie eine orthodoxe Richtung, die an der Bewahrung
der rechten Lehre interessiert war. Jedoch erwuchsen der Orthodoxie
schon bald zwei Gegenströmungen. Einmal die der sogenannten „Nadere
reformatie“, welche die praxis pietatis, die Erneuerung des
Lebens im Blick hatte; als Gründer ist hier Gisbert Voetius
zu nennen, der auch die Utrechter Universität gegründet
hat. Und zum anderen die Föderaltheologie des aus Bremen stammenden
Johannes Coccejus, die den Bundesgedanken in die Mitte seiner Theologie
stellte und eine geschichtlich fortschreitende Offenbarung von Bünden
Gottes mit den Menschen lehrte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde
außerdem die Aufklärung in der Theologie einflussreich.
In Groningen entstand nach 1830 eine Richtung, die den Blick auf
die Präsenz der Liebe Gottes in Jesus lenkte; Jesus ist darin
das Vorbild für alle Menschen.
Unter anderem aus Protest gegen diese einflussreiche Groninger Richtung
fand ab 1834 die sogenannte „Afscheiding“ (=Abscheidung)
vor allem unter Führung des Pastoren Hendrik de Cock statt.
Bis 1840 verfolgt entwickelte sich aus der „Afscheiding“ bald
eine kleine Kirche mit mehreren tausend Mitgliedern, die auch eine
eigene Synode bildete. Ab 1870 sorgte das Auftreten von Abraham Kuyper
(1837-1920) für Aufsehen. Er gründet eine eigene Tageszeitung,
eine eigene Universität (Vrije Universiteit Amsterdam) und eine
eigene Partei. Kuyper, der mit dem Ziel angetreten war, die reformierte
Kirche aus dem Schlafe zu wecken und den Liberalismus zu überwinden,
bekam Widerstand aus der Hervormden Kerk; als sich eine Einheit nicht
mehr einrichten ließ, brach er mit der Hervormden Kerk und
gründete eigene Gemeinden (die Bewegung wird „Doleantie“ genannt
[von dolere = trauern]); über 200 000 Menschen folgen Kuyper.
1892 schließen sich Afscheiding und Doleantie zu den „Gereformeerde
Kerken in Nederland“ (Reformierte Kirchen in den Niederlanden)
zusammen. Um 1900 umfasst diese neue Kirche ca. 8% der niederländischen
Bevölkerung. Weitere Kirchenspaltungen im 20. Jahrhundert haben
dazu geführt, dass gegenwärtig in den Niederlanden 17 reformierte
Kirche bestehen, von denen die meisten allerdings sehr klein sind.
Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts findet allerdings
eine Gegenbewegung statt: Die Hervormde Kerk und die Gereformeerde
Kerken in Nederland haben zusammen mit der sehr kleinen Evangelisch-lutherischen
Kirche in den Niederlanden einen noch nicht abgeschlossenen Weg des
Aufeinanderzugehens beschritten; dieser Prozess wird „Samen
op weg“ (= zusammen auf dem Weg) genannt.
Die evangelischen Kirchen insgesamt haben heute in den Niederlanden
einen Bevölkerungsanteil von ca. 20 Prozent, etwas mehr sind
römisch-katholisch, über 40 % gehört keiner Kirche
an. Damit sind die Niederlande das am stärksten säkularisierte
Land Westeuropas. Viele Kirchengebäude werden heute nicht mehr
zu kirchlichen Aufgaben verwendet.
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4. Schottland
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Die Reformation drang zunächst nur langsam nach Schottland
vor. Einzelne Schriften Luthers wurden ins Land geschmuggelt; Patrick
Hamilton wurde 1528 in St. Andrews als Märtyrer verbrannt,
weil er reformatorisch gepredigt hatte. Doch insgesamt setzte sich
die Reformation zunächst nicht durch. Das lag auch daran,
dass einzelne reformatorisch Gesonnene hofften, mit der englischen
Kirche zusammen zu kommen; die englische Kirche hatte sich unter
Heinrich VIII. von Rom gelöst. Jedoch war die Politik zunächst
englandfeindlich und damit auch römisch-katholisch orientiert.
Nach dem Tode des schottischen Königs Jakobs V. 1542 wurde
seine Tochter Maria Stuart bereits im Alter von wenigen Tagen neue
schottische Königin; an ihrer Stelle regiert ihre Mutter Maria
von Guise.
John Knox (ca. 1514-1572) war Priester, dann, nachdem er evangelisch
geworden war, Notar und Hauslehrer. 1547 wurde er zur Galeerenstrafe
verurteilt, verbrachte anderthalb Jahre auf Galeeren und wurde
dann Geistlicher in England in Berwick und Newcastle-upon-Tyne.
Als Maria Tudor 1554 den englischen Thron bestieg, wurde Knox Mitarbeiter
Calvins in Genf. Endgültig kehrte er 1559 nach Schottland
zurück, um die Reformation durchzuführen. In Schottland
gab es einen Konflikt zwischen der Herrscherin Maria von Guise
und den protestantisch gesonnenen Lords. Aufgrund von Appellen
an die seit 1558 regierende englische Königin Elisabeth I.
unterbrach England den Schiffsverkehr zwischen Schottland und Frankreich;
Frankreich wollte in Schottland die Reformation verhindern. Es
kam dadurch zu einem Sieg der Reformation, der durch das schottische
Parlament 1560 im Vertrag von Edinburgh bekräftigt wurde.
Im gleichen Jahr wurde die (u.a. von John Knox verfasste) Confessio
Scotica, das Schottische Bekenntnis, von der Generalversammlung
der Schottischen Kirche verabschiedet, und ebenfalls das „First
Book of Discipline“, welches das Ziel einer durchdringenden
Reformation auch des Alltags hatte. Dieses „First Book of
Discipline“ wurde allerdings nie vom Parlament ratifiziert
und konnte deshalb nicht in Kraft treten. 1561 wurde Maria Stuart
Regentin in Schottland und versuchte vergeblich, die Reformation
abzuschaffen; sie floh 1568 nach England.
Nach dem Tode von John Knox 1572 wurde Andrew Melville in der schottischen
Kirche einflussreich; er verfasste das „Second Book of Discipline“ (1578),
das eine vom Staat unabhängige Kirche zum Ziel hat. In diesem
Buch kommt ein die schottische Kirche ca. hundert Jahre lang bestimmendes
Problem zum Ausdruck: In welcher Nähe zum Staat soll die Kirche
leben? Unabhängig, so die Meinung z.B. von Melville. Oder
unter der Kontrolle des Staates, so die Bischöfe, die durch
den Staat eingesetzt wurden. ...
1592 kam es zu einem Sieg der die Unabhängigkeit der Kirche
befürwortenden Gruppen, der allerdings mit einem Makel erkauft
wurde: Die Generalversammlung kann nur zusammentreten, wenn der
König oder ein staatlicher Kommissar dazu einladen. 1638 kam
es zu einer Generalversammlung der schottischen Kirche, in der
die Bischöfe abgesetzt wurden. Diese zwar von König Karl
I. einberufene, dann aber trotz Auflösungsgebot tagende Synode
wird in Schottland gemeinhin als „Zweite Schottische Reformation“ bezeichnet.
In den folgenden Jahren wurde die englische Regierung schwächer,
die schottische Armee marschierte 1644 nach England ein. Das englische
Parlament hatte die Reformation der Kirche von England beschlossen,
und 1644 wurde in Westminster die „Westminster Confession“ verabschiedet
(mit Einfluss auch schottischer Reformierter) – es ist das
wichtigste Bekenntnis des angelsächsischen Calvinismus geworden
und hat in Schottland die Confessio Scotica abgelöst.
Im Jahre 1662 wurde auf Druck des englischen Königs Karls
II. das Bischofssystem wieder eingeführt, mit ihm selber an
der Spitze; in Schottland wurde das anglikanische Kirchenmodell
ohne Änderung von bisherigem Bekenntnis und Kultus vorgeschrieben.
Der Widerstand in Schottland war groß; mehr als 300 Pastoren
verweigerten die Anerkennung und wurden abgesetzt. Die Folge waren
Versammlungen unter freiem Himmel oder in Scheunen. Nur sechs Jahre
später wurde diesem „Spuk“ ein Ende gemacht, weil
Wilhelm von Oranien nach England einmarschierte und der Nachfolger
Karls II., James II., floh.
Jedoch gab es in der Schottischen Kirche eine theologische Spaltung,
die schließlich auch zu einer organisatorischen Teilung der
schottischen Kirche führte. Die Gemäßigten (Moderates) übernahmen
unter Einfluss der Aufklärung, des Deismus und teilweise auch
des Unitarismus teilweise rationalistische Gedanken, setzten die
christliche Identität weitgehend mit ethischen Verhaltensweisen
gleich und wandten sich demzufolge gegen das bisherige orthodoxe
calvinistische Lehrgut. Auf der anderen Seite standen die Evangelikalen
(Evangelicals), die als Erben der reformierten Orthodoxie gelten
können, jedoch zuweilen „Kultur“ mit Weltverfallenheit
identifizierten. Nach heftigen Auseinandersetzungen kam es Anfang
des 18. Jahrhunderts zu Trennungen, die alle das Verhältnis
der Kirche zum Staat zur Ursache hatten. Zunächst bildeten
sich im 18. Jahrhundert die „Secession Church“ und
die „Relief Church“, die sich 1847 zur „United
Presbyterian Church“ vereinigten; der große Bruch geschah
aber erst 1843. Die Evangelikalen verließen die Generalversammlung;
ca. ein Drittel der bisherigen Kirche konstituierte sich zur „Free
Church“. In den ersten zwei Jahren wurden ca. 500 Kirchen
und mehrere Colleges errichtet.
Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm auch
in den eher als orthodox geltenden Kirchen die Bedeutung der Westminster
Confession ab; nachdem 1879 die „United Presbyterian Church“ eine
Relativierung der Westminster Confession beschloss, nach der in
solchen Punkten Meinungsfreiheit besteht, die nicht die Substanz
des Glaubensbekenntnisses betrifft, folgte 1892 eine entsprechende
Erklärung seitens der Freikirche. 1900 schlossen sich diese
beiden Kirchen zusammen, und 1929 folgte eine große Vereinigung
der neuen vereinten Kirche mit der bisherigen Staatskirche zur „Church
of Scotland“. Gleichzeitig gibt es in Schottland noch mehrere
freie presbyterianischen Kirchen, die sich z.T. im 19., z.T. aber
auch erst im 20. Jahrhundert abgespalten haben und gegen die Vereinigung
protestierten, sie bilden heute zum größten Teil die „United
Free Church of Scotland“ mit ca. 20 000 Gliedern in 115 Gemeinden.
Die Church of Scotland besteht heute aus ca. 1555 Gemeinden und
630000 Gliedern.
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5. Italien (Waldenser)
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Die bereits vor der Reformation entstandene Waldenser-Bewegung
hatte sich nach reiflicher Überlegung 1532 der reformierten
Reformation angeschlossen (siehe Lektion 1). Damit veränderte
sie ihr Gesicht: aus einer nicht sonderlich organisierten Gemeinschaft
wurde eine verfasste Kirche mit klarer Organisation. Die Waldenser
hatten Ausstrahlung und wuchsen. Im Jahre 1555 wurden die ersten
eigenen Kirchengebäude errichtet, ein Zeichen für die
Ausrichtung in die Öffentlichkeit hinein, ein Ausdruck auch
von Selbstbewusstsein. Jedoch währte die Phase der Expansion
nur kurz. Im Zuge der Gegenreformation wurden alle Gemeinden
bis auf einen kleinen Rest in den Piemont-Tälern vernichtet;
die Waldenser waren wieder auf ihre alten Gebiete um ihren Hauptort
Torre Pelice begrenzt. In diesem Alpenghetto verbrachten die
Waldensergemeinden ca. 150 Jahre, wobei sie zwar nicht immer
verfolgt, aber doch immer unterdrückt wurden – die
unzugängliche Region und die Intervention einzelner Schweizer
Kantone und Englands verhinderten Schlimmeres. Am Anfang des
18. Jahrhunderts setzte eine starke Rekatholisierung ein und
in der Folge verließ ein Teil der Waldenser das Piemont,
zog nach Württemberg und gründete dort neue Gemeinden.
In diesem Zusammenhang ist auch Henri Arnaud (1641-1721) zu nennen.
Er floh zunächst 1685 aus dem Piemont nach Genf, kehrte
von dort zurück und wurde 1699, nachdem er wieder vertrieben
wurde, Pfarrer in der Waldenserkolonie Dürrmenz-Schönenberg
(Württemberg). Nach 1848 bekamen die Waldenser in Italien
volle bürgerliche Rechte; in Zusammenhang mit einer erwecklichen
Frömmigkeit und daraus erwachsenden missionarischen Aktivitäten
entstehen an vielen Orten in Italien kleine Waldensergemeinden
(z.B. Turin, Florenz, Rom und Sizilien); daneben gab es Auswanderungen,
vor allem in das Gebiet am Rio de la Plata in Südamerika.
1905 vereinigten sich die alten und neuen Gemeinden zur „Chiesa
Evangelica Valdese“ (Evangelische Waldenserkirche). Heute
hat die Waldenserkirche in Italien ca. 135 Gemeinden mit ungefähr
28 000 Mitgliedern, davon leben ca. 11 000 in den Piemonttälern;
ihre Arbeit hat einen deutlichen diakonischen Schwerpunkt. Die
Waldenserkirche besitzt auch eine eigene Fakultät in Rom.
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6. Die Evangelische Kirche
der Böhmischen
Brüder
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In Böhmen und Mähren existierte zur Zeit der Reformation
die vor allem auf hussitische Wurzeln zurückgehende „Böhmisch-mährische
Brüderunität“, die aber auch waldensische und andere
Traditionen integriert hatte. Zwischen dem die Brüderunität
zu Anfang des 16. Jahrhunderts prägenden Bruder Lukas und
Martin Luther gab es Kontakte. Jedoch entwickelte sich die Brüderunität
im Zusammenhang der konfessionellen Auseinandersetzungen eher in
Richtung der reformierten Kirche. Ab 1618 wurde Böhmen und
Mähren zwangsweise rekatholisiert, nachdem die kaiserlichen
habsburgischen Truppen das ständische Heer geschlagen hatten.
27 geistige Führer wurden hingerichtet und verstümmelt. Über
1200 Geistliche mussten das Land verlassen. Mit ihnen gingen mehr
als 36 000 Familien – die Bevölkerung wurde auf ein
Drittel reduziert; die vorherige Blüte und der Wohlstand des
Landes wurden so vernichtet. Neben Sachsen waren Schlesien und
auch Polen Emigrationsziele; ein anderer Teil ging in den Untergrund.
In Polen wurde Jan Amos Comenius im 17. Jahrhundert bedeutendster
Theologe und Senior. Das ‚Toleranzpatent‘ des Habsburger
Kaisers Joseph II. aus dem Jahre 1781 gestattete wieder die evangelische
Konfession; und in der Folge schlossen sich ungefähr 66000
Tschechen der reformierten Kirche an; bis 1789 entstanden 73 Gemeinden.
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Jedoch war keine Gleichberechtigung der Konfessionen erreicht;
so mussten die Evangelischen u.a. die römisch-katholischen
Pfarrer mitbezahlen – Evangelische waren zugelassen, aber
vom Staat nicht gerne gesehen. Bis 1861 wuchs die reformierte Kirche
langsamer als die Bevölkerung, nur fünf Gemeinden kamen
hinzu. In diesem Jahr beschloss der Kaiser Franz Joseph I. das
sog. „Protestantenpatent“: die Evangelischen bekamen
jetzt gleiche Rechte, sowohl die lutherische wie die reformierte
Kirche wuchsen kräftig. Im Jahre 1919 vereinigten sich die
reformierte und die lutherische Kirche zur „Evangelischen
Kirche der Böhmischen Brüder“ – der Name
drückt eine Kontinuität der böhmischen Geschichte
aus. In den Folgejahren schlossen sich viele ehemalige Katholiken
dieser Kirche an; nach 1945 wurde die Kirche jedoch wesentlich
kleiner. Heute gehören der „Kirche der Böhmischen
Brüder“ 13000 Gemeindeglieder in 264 Gemeinden an; wichtig
für die Kirche ist die Comenius-Fakultät in Prag.
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7. Ungarn
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Nach Ungarn wurde die Reformation wohl schon um 1520 herum vor
allem durch Studenten vermittelt, die an westeuropäischen
Universitäten studiert hatten. Ab 1526 war Ungarn von der
Türkenherrschaft bestimmt; in ihrer Folge ergab sich eine
Dreiteilung des Landes: der Westen wurde habsburgisch, der mittlere
Teil türkisch, Siebenbürgen blieb zunächst selbständig,
wurde dann aber türkisches Protektorat. Diese weiten Teilen
der ungarischen Bevölkerung kaum verständliche Fremdherrschaft
wurde von den in Ungarn tätigen Reformatoren dahingehend
aufgegriffen, dass sie sie als Folge der verderbten Zustände
auch in der Kirche sehen; sie riefen deshalb zur Umkehr auf.
Ihre Predigt hatte Erfolg. Nach lutherischen Anfängen gewinnt
die reformierte Richtung ab den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts
großen Einfluss; hier sind vor allem Mihály Sztárai
(+ 1578) und István Szegedi Kis (1506-1572) zu nennen,
die als Prediger auftraten. 1567 trat in Debrecen die erste Synode
zusammen und nahm das „Zweite Helvetische Bekenntnis“ (Confessio
Helvetica Posterior) an (vgl. Lektion 6). Allerdings wurde keine
einheitliche Kirche geschaffen, weil sie in verschiedenen Territorien
existierte. Im 17. Jahrhundert erwuchs in Ungarn eine bis in
die Gegenwart hinein bedeutsame puritanische Frömmigkeitsbewegung
als Reaktion auf die erstarrende Orthodoxie: sie betonte vor
allem die „praxis pietatis“ im Alltag. In den Habsburger
Landesteilen wütete ab 1671 die Gegenreformation – mehr
als 40 Pfarrer und Lehrer, die nicht zur Konversion bereit waren,
wurden zur Galeerensklaverei verurteilt. Ende des siebzehnten
Jahrhunderts eroberte Habsburg den türkischen Mittelteil
Ungarns und setzt hier auch gegenreformatorische Pressionen gegen
die Evangelischen durch. Von 1711 bis 1718 verbesserte sich die
Lage insofern, als dass die blutige zur unblutigen Gegenreformation
wird. Die Konsequenzen der Gegenreformation für die reformierte
Kirche Ungarns, zu der Ende des 16. Jahrhunderts die Mehrheit
der Bevölkerung gehörte, bestanden darin, dass sie
bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stark dezimiert wurde. In Folge
des „Toleranzpatents“ des Habsburger Kaisers Josef
II. von 1781 bekam die reformierte Kirche äußere Freiheit.
Erste organisatorische Strukturen für ganz Ungarn wurden
ins Auge gefasst, auch wurden viele neue Bethäuser gebaut.
1881 wurde auf der Generalsynode von Debrecen die Reformierte
Kirche von Ungarn offiziell geschaffen. Allerdings ging diese äußere
Erstarkung und Selbstständigkeit mit einer im Zusammenhang
des Liberalismus stattfindenden inneren Entleerung einher. Erst
nach dem Ersten Weltkrieg begann eine Phase der Neuorientierung.
Die Kirchenleitung selbst suchte ihren staatlichen Einfluss durch
große Nähe zu nationalistischen Positionen zu stärken;
so war sie kaum in der Lage, Kritik an der faschistenfreundlichen
Politik der ungarischen Regierung während des Zweiten Weltkriegs
zu äußern. Auch in der Zeit nach 1945 gab es zuweilen
eine problematische Nähe zum nunmehr sozialistischen Staat.
Heute leben nach synodal-presbyterialem Prinzip in vier Kirchendistrikten
in Ungarn ca. 2 Millionen Reformierte; die reformierte Kirche besitzt
zwei Fakultäten in Budapest und Debrecen.
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8. Rumänien
(Siebenbürgen)
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Bis 1541 ist Siebenbürgen (oder Transsilvanien) Teil des ungarischen
Königreichs, bevor es bis Ende des 17. Jahrhunderts autonomes
türkisches Protektorat wird. Herausragender Reformator Siebenbürgens
ist Johannes Honterus, der 1542 in Kronstadt die (lutherische)
Reformation einführt. Bis ca. 1550 war die ganze Kirche in
Siebenbürgen unter Anführung des Klerus evangelisch geworden,
wobei zunächst ein gemäßigtes Luthertum in der
Tradition Philipp Melanchthons übernommen wurde. Ab 1550 wendet
sich jedoch die Mehrheit der Siebenbürger Kirche der reformierten
Richtung zu, wobei die Pastoren Gregor Szegedi und Peter Méliusz
Juhasz in besonderer Weise wichtig sind: Im Streit um die Art und
Weise der Gegenwart Christi im Abendmahls vertraten sie ein vom
ganzen Christusgeschehen ausgehendes Verständnis: Es gibt
keine Gemeinschaft mit dem Leib Christi ohne den Glauben an ihn;
der „Leib lebt vom Geist“. Diese der calvinischen Lehrauffassung
entsprechende Position überzeugte die Siebenbürger Kirche
nach und nach, 1564 gilt als das Anfangsjahr der reformierten Kirche
in Siebenbürgen, und bis 1567 entschieden sich die meisten
Pfarrer für die reformierte Reformation. 1565 wurde in Klausenburg
(heute: Cluj Napoca / Kolosvar) der Heidelberger Katechismus eingeführt.
Allerdings unterstützt der Staat ab 1566 bis 1571 zunächst
den Unitarismus (Antitrinitarismus) – noch heute gibt es
in Siebenbürgen unitarische Gemeinden. Und 1571 wurde der
Katholik Stephan Báthori Fürst von Transsilvanien;
er unterstützte die römisch-katholische Kirche und half
darüber hinaus vor allem den Lutheranern. Dennoch galt weiterhin
der Grundsatz, dass jede Stadt ihre eigene Konfession wählen
konnte. Die siebenbürgischen Fürsten arbeiteten mit Habsburg
zusammen, und es drohte eine Rekatholisierung. Jedoch gelang es
im sog. langen Krieg von 1593-1606 dem reformierten Hochadel, die
Herrschaft in Siebenbürgen zu erringen, wobei die Oberherrschaft
der Türken das Reformiertentum eher begünstigte, weil
sie eine gemeinsame anti-habsburgische Front bildeten. Die für
die reformierte Kirche positive Lage ändert sich ab 1692,
als in Folge der habsburgischen Besetzung Siebenbürgens die
reformierte Kirche unterdrückt wurde: Kirchengebäude
wurden konfisziert, der Gebrauch des Heidelberger Katechismus verboten.
Eine völlige Rekatholisierung wurde durch den Aufstand gegen
die Habsburger (1705-1711) verhindert. Und erst das Toleranzpatent
von 1781 brachte langsam Erleichterungen; gleichzeitig fand wie
auch andernorts eine Entleerung des kirchlichen Lebens statt. Erst
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt es zu Erneuerungen
auf verschiedenen Ebenen; so wurden z.B. neue Schulen, Kirchen
und Pfarrhäuser gebaut, auch die theologische Fakultät
in Klausenburg wurde neu organisiert.
Nach dem Ersten Weltkrieg wird Siebenbürgen Teil Rumäniens;
nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Reformierte Kirche in der
Volksrepublik Rumänien gegründet, die über Siebenbürgen
hinausreicht. Heute leben in zwei Distrikten über 725 000
Reformierte in knapp 800 Gemeinden.
Lektion 5 der Vorlesungsreihe von Dr. Georg Plasger, Göttingen
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