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„Die Entstehung und die Entwicklung reformierter Kirchen in Europa“  

Lektion 5 der Vorlesungsreihe von Dr. Georg Plasger, Göttingen

In dieser Lektion wird versucht, einen Einblick in das Werden der reformierten Kirchen in Europa abgesehen von Deutschland zu geben. Die reformierte Kirche in Deutschland hat sich anders als anderen europäischen Ländern sehr unterschiedlich entwickelt, was auf die uneinheitliche, ja zerrissene politische Lage in Deutschland zurückgeht ("Flickenteppich") ...

 

1. Schweiz

 

 

 

 

Wie in den Lektionen 2 und 3 ausführlich dargestellt, hat der Beginn der reformierten Reformation auf dem Boden der heutigen Schweiz stattgefunden, in Zürich zunächst (hier ist an Ulrich Zwingli zu erinnern) und mit einem Höhepunkt dann in Genf (hier ist an Johannes Calvin zu erinnern); gleichwohl gehörte Genf zu Calvins Zeiten noch nicht zur Eidgenossenschaft. Die Eidgenossenschaft der Schweiz ist bis heute durch eine Selbständigkeit der einzelnen Städte und Länder (Kantone) gekennzeichnet. Zürich führte die Reformation im Jahre 1523 durch. Andere Städte folgten, so z.B. Bern 1528 und Basel 1529. In anderen Kantonen konnten die einzelnen Gemeinden selbst entscheiden, ob sie die Reformation durchführen wollten oder nicht (so etwa in Appenzell, Graubünden und Glarus). Andere Orte in der Eidgenossenschaft blieben römisch-katholisch. Es kam zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den evangelischen und katholischen Ständen, deren unrühmlicher Höhepunkt die Niederlage der Evangelischen 1531 in Kappel bei Zürich war; hier starb auch der Reformator Ulrich Zwingli. Von den insgesamt 13 Ständen der Eidgenossenschaft waren 1531 sieben römisch-katholisch, vier waren reformiert und in zweien gab es beide Konfessionen. Es gelang Heinrich Bullinger, dem Nachfolger Zwinglis, und Johannes Calvin, ein Auseinanderdriften der verschiedenen Richtungen der reformierten Reformation in der Schweiz zu verhindern, so dass sich nicht ein zwinglischer und ein calvinscher Typ von Reformation nebeneinander entwickelte. Wichtigstes Dokument dieser Einigung in der Abendmahlsfrage ist der 1549 entstandene "Consensus Tigurinus" (Zürcher Konsens) - eigentlich kann man erst von da an von der Existenz einer reformierten Kirche reden.
Heinrich Bullinger verfasste 1566 ein von fast allen Kirchen der deutschsprachigen Schweiz angenommenes Bekenntnis, die Confessio Helvetica posterior (Zweites Helvetisches Bekenntnis), ausführlich dazu in der Lektion 6. Neben dem Bekenntnis wurde auch die katechetische Arbeit intensiviert; in Zürich verfasste der Reformator Leo Jud einen in Zürich für mehrere Jahrhunderte gebräuchlichen Katechismus. In anderen Orten wurde der Heidelberger Katechismus eingeführt. 1531 erschien ebenfalls in Zürich eine eigene vollständige Bibelübersetzung, die sogenannte „Zürcher Bibel“, die gegenwärtig in einer neuen Übertragung erscheint.
Strukturelle Veränderungen ergaben sich in den Schweizer Kirchen für mehrere Jahrhunderte kaum. Die früheren bischöflichen Funktionen wurden weitgehend von der staatlichen Obrigkeit wahrgenommen. Die reformierten Kirchen blieben nebeneinander existierende selbständige Kirchen, die sich erst 1920 zu einem Kirchenbund (= Schweizerische Evangelischer Kirchenbund / SEK)zusammengeschlossen haben, ohne dass sie ihre Selbständigkeit verloren hätten. Im 19. Jahrhundert allerdings gab es in einzelnen Kantonalkirchen Separationen. Die Kirchen waren weitgehend durch liberale theologische Strömungen geprägt, die ihrerseits der Aufklärung nahestanden. Dieser Liberalismus in den Kirchen hatte u.a. zur Folge, dass in den reformierten Kirchen der Schweiz die Bindung an die Bekenntnisse (z.B. an das Apostolische Glaubensbekenntnis oder an das Zweite Helvetische Bekenntnis) aufgegeben wurden. Im Gefolge dieser Entwicklung kam es in einigen Kirchen beinahe, in anderen tatsächlich zu Kirchenspaltungen, z.T. in Zusammenhang mit Erweckungsbewegungen, so etwa in den Kantonen Waadt oder Neuenburg (hier ergaben sich 1966 bzw. 1943 wieder Zusammenschlüsse) oder auch im Kanton Genf, wo es bis heute eine kleine reformierte Freikirche neben der Landeskirche gibt.
In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts begann in den Schweizer Kirchen eine allmähliche Lösung des bis dahin sehr engen Verhältnisses von Staat und Kirche; deutlicher und früher ist diese Tendenz in der französisch-sprachigen Schweiz erkennbar.  

 

2. Die Entwicklung
der reformierten Kirche
in Frankreich
nach 1598
 

Im Jahre 1598 (für die Zeit vor 1598 vgl. Lektion 3) verkündete der französische König Heinrich IV. das Toleranzedikt von Nantes. Diese Verfügung läutete eine Epoche relativen Friedens der französischen Reformierten ein. Heinrich IV., der nur unter Aufgabe seines eigenen reformierten Bekenntnisses König werden konnte, kann in gewisser Hinsicht sogar als Schutzherr der Reformierten angesehen werden. Denn mit dem Edikt von Nantes wurde in erstmals in einem europäischen Land der Grundsatz: „cuius regio eius religio“ (= wem das Land gehört, der bestimmt auch über die Religion seiner Untertanen) durchbrochen, eine andere als die römisch-katholische Konfession bekam ihr Existenzrecht; Frankreich war ein multikonfessioneller Staat geworden.
Freilich waren beide Konfessionen nicht gleichberechtigt, vielmehr wurde den Reformierten manches genehmigt: sie durften an sehr vielen Orten Gottesdienst feiern, sie durften Kirchen und Schulen bauen und sogar Akademien (etwa in Montauban, Sedan und Saumur). Selbst ihre ehemaligen Garnisonen mussten sie nicht einfach abgeben, sondern durften sie für einige Jahre noch behalten. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es in Frankreich ca. 850 000 Reformierte, das entspricht ca. 4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Reformierte Gemeinden entstanden vor allem in der Normandie, im Umkreis von La Rochelle am Atlantik, im Languedoc und in den Cevennen in Südfrankreich. Der Adel war überdurchschnittlich stark vertreten; darin liegt wohl ein nicht zu unterschätzender Grund für die Toleranz des Staates.
Diesen Zugeständnissen des Staates stand ein Misstrauen vieler Franzosen zur neuen Religion gegenüber, die sich immer wieder auch in Übergriffen und Verfolgungen ausdrückte. Auch gab es beträchtliche Gruppen in der politischen Führung Frankreichs, die die Politik Heinrichs IV. für falsch hielten. Nach der Ermordung von Heinrich IV. im Jahre 1610 änderte sich zunehmend das Klima zu Ungunsten der Reformierten. Heinrichs Nachfolger, Ludwig XIII., der aufgrund seines Alters faktisch erst 1617 die Macht übernahm, arbeitete mit dem Ziel einer vorläufigen politischen Beruhigung in Frankreich, ließ aber nie einen Zweifel daran, dass er letztlich an der Beseitigung der reformierten Konfession interessiert war. Sein Minister Richelieu sorgte deshalb dafür, dass 1629 noch einmal die religiösen Freiheiten des Edikts von Nantes bestätigt wurden; das geschah aber schon vor dem Hintergrund der zunehmenden einzelnen Verfolgungen. Nach dem Todes Ludwigs XIII. kam der als Sonnenkönig bekannte Ludwig XIV. auf den französischen Thron; aufgrund seines Alters regierte er ab 1661. Und seit 1659 änderte sich die Politik gegenüber den Reformierten deutlich. Zunächst wurden die Generalsynoden verboten. Was folgte, sind Schikanen: Gottesdienste wurden überwacht; Eltern hatten für ihre Kinder nur noch begrenzte Entscheidungsgewalt im Hinblick auf die Religion; Menschen, die zum Katholizismus konvertierten, bekamen Privilegien zugestanden; Reformierte konnten nicht mehr alle Berufe ergreifen. Immer häufiger gab es gewaltsame Übergriffe gegen reformierte Familien, wobei die staatliche Gewalt dies häufig tolerierte oder wegsah.
Schließlich wurde im Jahre 1685 das Edikt von Fontainebleau verkündet: die Aufhebung des Edikts von Nantes. Damit waren den Reformierten in Frankreich alle bisherigen Zugeständnisse gestrichen. Alle Kinder müssen hinfort am römisch-katholischen Katechismusunterricht teilnehmen. Die reformierten Kirchen wurden zerstört, die Pastoren wurden ausgewiesen. Alle anderen durften jedoch das Land nicht verlassen; dies hatte auch ökonomische Gründe seitens des Staates. Bei Nichtbefolgung drohte die Galeerenstrafe.
Diese Anordnung von Ludwig XIV. hatte katastrophale Konsequenzen für das gesamte Reformiertentum in Frankreich. Es gab zahlreiche Konversionen, auch unter den Pfarrern; dabei waren viele jedoch Scheinkonversionen. Andere widerstanden, teilweise auch mit Waffengewalt. Mehr als 1500 Reformierte wurden zu Galeerenstrafen verurteilt. Vor allem aber setzte nach 1685 eine massenhafte Flucht vieler reformierter Hugenotten ein: Ca. 200 000 Menschen flohen heimlich ins Ausland, vor allem in die Schweiz, die Niederlande, England und in verschiedene deutsche Länder (vor allem Brandenburg – vgl. dazu Lektion 4).
Damit war die Reformierte Kirche in Frankreich zwar geschwächt, jedoch nicht zerstört. Sie lebte in den ersten Jahren nach 1685 im Untergrund heimlich weiter und bildete die „Kirche in der Wüste“. Vor allem in den Cevennen trafen sich die Hugenotten heimlich zu Gottesdiensten. Hoffnungen auf Rücknahme des Edikts von Fontainebleau zerschlugen sich, und in der Folge erstand 1702 bis 1704 im Süden Frankreichs ein breiter Aufstand, der auch als Camisardenkrieg oder Cevennenkrieg bekannt wurde. Deutlich wurde darin jedenfalls, dass das Ziel des französischen Staates, die Protestanten auszurotten, gescheitert war. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschah die Verfolgung der Reformierten dann nicht mehr so systematisch und nicht in ganz großer Breite: Phasen relativer Ruhe wechselten sich mit Verfolgung und Unterdrückung ab. In den Städten gab es kaum Reformierte, auf dem Lande aber existierten die Gemeinden weiterhin; oft feierten sie Gottesdienste in Schlössern reformierter Adliger. Ab 1750 begann eine Reorganisation der reformierten Kirche, Synoden wurden abgehalten. 1787 schließlich, gut einhundert Jahre nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, wird den Reformierten das Bürgerrecht zuerkannt.
Bis zur französischen Revolution 1789 wuchs die reformierte Kirche in Frankreich auf knapp eine Million Glieder an. Nachdem in der französischen Revolution zunächst Kultfreiheit in der Verfassung festgeschrieben wurde, bedeutete die Radikalisierung der französischen Revolution 1793 die Unterdrückung auch der reformierten Kirche. Diese kurze Episode verursachte eine erhebliche Schwächung der reformierten Kirche; von ehemals 205 Pastoren vor 1789 gab es 1794, als der Neuaufbau der reformierten Kirche in Angriff genommen wurde, nur noch 120.
Mit Beginn der Herrschaft Napoleons I. 1799 änderte sich die Lage. Zwar gestand Napoleon den Protestanten das Existenzrecht zu, aber gleichzeitig wandte er sich gegen die Eigenständigkeit der Kirche. Nationalsynoden waren nicht vorgesehen. Die Kirche wurde vom französischen Staat in Distrikte eingeteilt, in achtzig Konsistorialkirchen mit je ca. 6000 Gemeindegliedern. Das hatte zur Folge, dass viele ehemals selbständig existierenden Gemeinden in größere Einheiten integriert wurden, weil Ortsgemeinden rechtlich nicht anerkannt waren. Die Pfarrer wurden vom Staat besoldet, Konversionen waren nicht erlaubt: der Staat reglementierte das kirchliche Leben.
Als Gegenbewegung zum starken staatlichen Einfluss erwuchs ab 1817 die Erweckungsbewegung (Reveil), die zu Neugründungen von Gemeinden führte; nach 1848 wurde diese Erweckungs- und Evangelisationsbewegung vor allem von kirchenunabhängigen Gesellschaften und teilweise auch Freikirchen verantwortet – eine Integration dieser neuen Gemeinden in die reformierte Kirche Frankreichs gelang nur in wenigen Fällen.
Das Nichtvorhandensein einer nationalen Synode führte im 19. Jahrhundert auch dazu, dass sich verschiedene Strömungen innerhalb der evangelischen Kirche verselbständigen konnten. Der Ruf nach einer Union wurde laut, und 1872 wurde die erste französische nationale Synode seit 1559 einberufen. Dort kommt es jedoch nicht zur Einigung, sondern zur offiziellen Trennung: die eher orthodoxe Reformierte evangelische Kirche (Eglise réformée évangélique) und die liberalere Reformierte Kirche (Eglise réformée) existierten nebeneinander und hielten auch je selbständige Synoden ab.
1905 wird der Bund protestantischer Kirchen in Frankreich (Fédération Protestante de France) gegründet, zu dem alle reformatorischen Kirchen in Frankreich gehören. Die Annäherungen der verschiedenen reformierten Kirchen führte 1938 zu einem Zusammenschluss und damit zur Neugründung der reformierten Kirche in Frankreich.
Dieser Reformierten Kirche gehören heute ca. 180 000 Mitglieder in 350 Gemeinden an; daneben gibt es noch die Reformierte Kirche von Elsaß und Lothringen, zu der ca. 33 000 Menschen in 52 Gemeinden gehören. Da Elsaß und Lothringen erst später Teile Frankreichs wurden, hat sich die Reformierte Kirche dort etwas anders entwickelt; hier gibt es auch eine stärkere evangelisch-lutherische Kirche, mit der die reformierte Kirche von Elsaß-Lothringen eng zusammenarbeitet.

 

3. Die Niederlande
 

Das Gebiet der heutigen Niederlande ist nicht identisch mit den Niederlanden zur Reformationszeit; vielmehr schließt dieses das heutige Belgien und Luxemburg mit ein. Die ersten evangelischen Märtyrer wurden 1523 in Brüssel auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bis etwa 1560 wird man von einem Nebeneinander verschiedener reformatorisch gesonnener Gruppen und Strömungen ausgehen müssen; sie wurden vor allem im Süden der Niederlande heftig verfolgt. Es gab eine ganze Reihe von Geistlichen und Gebildeten, die von erasmischen Strömungen und auch von Luther beeinflusst waren. Daneben existierten ab ca. 1530 verschiedene Gruppen der sogenannten Täufer, aus denen zu wesentlichen Teilen auch die Täuferherrschaft in Münster 1534/1535 erwuchs. Nach der Zerschlagung des Täuferreichs in Münster wurden die Täufer verfolgt; erst ab ca. 1550 entstanden in der zweiten Generation mit Menno Simons, nach dem die Mennoniten benannt sind, und anderen neue täuferische Kreise, die auch Gemeinden gründeten.
Ab etwa 1550 bauten die Reformierten vor allem im Süden der Niederlande eine eigene Kirche im Untergrund auf; sie nannten sich nach dem Vorbild der Hugenotten „Kirchen unter dem Kreuz“. Dabei war die Kirche in Emden für die Pastoren, die in den Niederlanden umherreisen, entscheidend – sie wurde darum auch „moederkerk“ (Mutterkirche) genannt. 1561 verfasste Guido de Brés die Confessio Belgica (Niederländisches Bekenntnis), das zum Teil auf die Confessio Gallicana zurückgeht. Im Entstehungsjahr des Heidelberger Katechismus 1563 wird dieser ebenfalls ins Niederländische übersetzt – beide Dokumente bildeten den Grundstock niederländischer reformierter Lehre.
Die Teilung der Niederlande beginnt 1566. Der spanische Herzog Alba marschierte im Auftrag des spanischen Königs Philipp II., der Landesherr war, in den Niederlanden mit dem Ziel der Unterwerfung der Reformierten ein. Es regte sich jedoch kräftiger Widerstand unter Führung von Wilhelm von Oranien (1533-1584) mit der Folge des achtzigjährigen Krieges (1568-1648); der Süden (das heutige Belgien und Luxemburg) blieb 1648 spanisch und damit römisch-katholisch. Der Norden hingegen, die heutige Niederlande, war konfessionell plural geprägt, wobei die reformierte Konfession privilegiert wurde.
Die reformierten Gemeinden trafen sich erstmals 1568 zum sogenannten Weseler Konvent (also im niederrheinischen Ausland); in Emden fand 1571 die erste Synode statt – von da an kann man von einer niederländischen reformierten Kirche sprechen. Auf der Emder Synode wurde eine für die späteren reformierten Gemeinden der Niederlande vorbildliche Kirchenordnung beschlossen. ...
Bald nach 1571 fand auch die Organisierung der verschiedenen Gemeinden statt; es wurden Provinzialsynoden gebildet und 1578 fand die erste niederländische Generalsynode statt. Schon früh wurde deutlich, dass die Reformierten in den Niederlanden nicht auf einen einheitlichen Ursprung zurückblicken konnten; vielmehr gab es verschiedene Personen, an denen man sich orientierte. Das war vor allem Calvin, daneben aber auch Zwingli und Erasmus. Diese verschiedenen Orientierungen führten zu einem heftigen Streit. Der Leidener Professor Jacobus Arminius vertrat die Auffassung, dass die Prädestination (Erwählung) der Menschen geschehe, weil Gott ihren Glauben vorausgesehen habe. Sein Gegner, der ebenfalls in Leiden lehrende Franciscus Gomarus, vertrat dagegen die Auffassung, dass der Glaube nur denen gegeben werde, die von Gott auserwählt seien. Theologischer Hintergrund war die Frage nach dem Verhältnis von göttlichem Handeln (Erwählung) und menschlichem Handeln (Glaube), die als miteinander konkurrierend gedacht wurden. Beide Theologen gewannen viele Anhänger. Sowohl die Remonstranten (Anhänger des Arminius) wie die Contra-Remonstranten (Anhänger des Gomarus) reichten Bittschriften beim niederländischen Staat ein. 1618/19 fand in Dordrecht eine Generalsynode statt, die zugunsten der Contra-Remonstranten entschied. In der Folge bildete sich neben der Reformierten Kirche eine kleinere bis heute bestehende Remonstrantenkirche (Remonstrantsche Broederschap).
Im 17. Jahrhundert, das auch das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande genannt wird, entwickelte sich die Reformierte Kirche mehr und mehr zur Staatskirche. Es erschien die „Statenvertaling“, die niederländische Bibelübersetzung, deren Einfluss auf die Kultur und Sprache durchaus mit der Lutherübersetzung in Deutschland vergleichbar ist. In der Theologie entstand in Aufnahme aristotelischer Philosophie eine orthodoxe Richtung, die an der Bewahrung der rechten Lehre interessiert war. Jedoch erwuchsen der Orthodoxie schon bald zwei Gegenströmungen. Einmal die der sogenannten „Nadere reformatie“, welche die praxis pietatis, die Erneuerung des Lebens im Blick hatte; als Gründer ist hier Gisbert Voetius zu nennen, der auch die Utrechter Universität gegründet hat. Und zum anderen die Föderaltheologie des aus Bremen stammenden Johannes Coccejus, die den Bundesgedanken in die Mitte seiner Theologie stellte und eine geschichtlich fortschreitende Offenbarung von Bünden Gottes mit den Menschen lehrte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde außerdem die Aufklärung in der Theologie einflussreich. In Groningen entstand nach 1830 eine Richtung, die den Blick auf die Präsenz der Liebe Gottes in Jesus lenkte; Jesus ist darin das Vorbild für alle Menschen.
Unter anderem aus Protest gegen diese einflussreiche Groninger Richtung fand ab 1834 die sogenannte „Afscheiding“ (=Abscheidung) vor allem unter Führung des Pastoren Hendrik de Cock statt. Bis 1840 verfolgt entwickelte sich aus der „Afscheiding“ bald eine kleine Kirche mit mehreren tausend Mitgliedern, die auch eine eigene Synode bildete. Ab 1870 sorgte das Auftreten von Abraham Kuyper (1837-1920) für Aufsehen. Er gründet eine eigene Tageszeitung, eine eigene Universität (Vrije Universiteit Amsterdam) und eine eigene Partei. Kuyper, der mit dem Ziel angetreten war, die reformierte Kirche aus dem Schlafe zu wecken und den Liberalismus zu überwinden, bekam Widerstand aus der Hervormden Kerk; als sich eine Einheit nicht mehr einrichten ließ, brach er mit der Hervormden Kerk und gründete eigene Gemeinden (die Bewegung wird „Doleantie“ genannt [von dolere = trauern]); über 200 000 Menschen folgen Kuyper. 1892 schließen sich Afscheiding und Doleantie zu den „Gereformeerde Kerken in Nederland“ (Reformierte Kirchen in den Niederlanden) zusammen. Um 1900 umfasst diese neue Kirche ca. 8% der niederländischen Bevölkerung. Weitere Kirchenspaltungen im 20. Jahrhundert haben dazu geführt, dass gegenwärtig in den Niederlanden 17 reformierte Kirche bestehen, von denen die meisten allerdings sehr klein sind. Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts findet allerdings eine Gegenbewegung statt: Die Hervormde Kerk und die Gereformeerde Kerken in Nederland haben zusammen mit der sehr kleinen Evangelisch-lutherischen Kirche in den Niederlanden einen noch nicht abgeschlossenen Weg des Aufeinanderzugehens beschritten; dieser Prozess wird „Samen op weg“ (= zusammen auf dem Weg) genannt.
Die evangelischen Kirchen insgesamt haben heute in den Niederlanden einen Bevölkerungsanteil von ca. 20 Prozent, etwas mehr sind römisch-katholisch, über 40 % gehört keiner Kirche an. Damit sind die Niederlande das am stärksten säkularisierte Land Westeuropas. Viele Kirchengebäude werden heute nicht mehr zu kirchlichen Aufgaben verwendet.  

 

4. Schottland
 

Die Reformation drang zunächst nur langsam nach Schottland vor. Einzelne Schriften Luthers wurden ins Land geschmuggelt; Patrick Hamilton wurde 1528 in St. Andrews als Märtyrer verbrannt, weil er reformatorisch gepredigt hatte. Doch insgesamt setzte sich die Reformation zunächst nicht durch. Das lag auch daran, dass einzelne reformatorisch Gesonnene hofften, mit der englischen Kirche zusammen zu kommen; die englische Kirche hatte sich unter Heinrich VIII. von Rom gelöst. Jedoch war die Politik zunächst englandfeindlich und damit auch römisch-katholisch orientiert. Nach dem Tode des schottischen Königs Jakobs V. 1542 wurde seine Tochter Maria Stuart bereits im Alter von wenigen Tagen neue schottische Königin; an ihrer Stelle regiert ihre Mutter Maria von Guise.
John Knox (ca. 1514-1572) war Priester, dann, nachdem er evangelisch geworden war, Notar und Hauslehrer. 1547 wurde er zur Galeerenstrafe verurteilt, verbrachte anderthalb Jahre auf Galeeren und wurde dann Geistlicher in England in Berwick und Newcastle-upon-Tyne. Als Maria Tudor 1554 den englischen Thron bestieg, wurde Knox Mitarbeiter Calvins in Genf. Endgültig kehrte er 1559 nach Schottland zurück, um die Reformation durchzuführen. In Schottland gab es einen Konflikt zwischen der Herrscherin Maria von Guise und den protestantisch gesonnenen Lords. Aufgrund von Appellen an die seit 1558 regierende englische Königin Elisabeth I. unterbrach England den Schiffsverkehr zwischen Schottland und Frankreich; Frankreich wollte in Schottland die Reformation verhindern. Es kam dadurch zu einem Sieg der Reformation, der durch das schottische Parlament 1560 im Vertrag von Edinburgh bekräftigt wurde. Im gleichen Jahr wurde die (u.a. von John Knox verfasste) Confessio Scotica, das Schottische Bekenntnis, von der Generalversammlung der Schottischen Kirche verabschiedet, und ebenfalls das „First Book of Discipline“, welches das Ziel einer durchdringenden Reformation auch des Alltags hatte. Dieses „First Book of Discipline“ wurde allerdings nie vom Parlament ratifiziert und konnte deshalb nicht in Kraft treten. 1561 wurde Maria Stuart Regentin in Schottland und versuchte vergeblich, die Reformation abzuschaffen; sie floh 1568 nach England.
Nach dem Tode von John Knox 1572 wurde Andrew Melville in der schottischen Kirche einflussreich; er verfasste das „Second Book of Discipline“ (1578), das eine vom Staat unabhängige Kirche zum Ziel hat. In diesem Buch kommt ein die schottische Kirche ca. hundert Jahre lang bestimmendes Problem zum Ausdruck: In welcher Nähe zum Staat soll die Kirche leben? Unabhängig, so die Meinung z.B. von Melville. Oder unter der Kontrolle des Staates, so die Bischöfe, die durch den Staat eingesetzt wurden. ...
1592 kam es zu einem Sieg der die Unabhängigkeit der Kirche befürwortenden Gruppen, der allerdings mit einem Makel erkauft wurde: Die Generalversammlung kann nur zusammentreten, wenn der König oder ein staatlicher Kommissar dazu einladen. 1638 kam es zu einer Generalversammlung der schottischen Kirche, in der die Bischöfe abgesetzt wurden. Diese zwar von König Karl I. einberufene, dann aber trotz Auflösungsgebot tagende Synode wird in Schottland gemeinhin als „Zweite Schottische Reformation“ bezeichnet. In den folgenden Jahren wurde die englische Regierung schwächer, die schottische Armee marschierte 1644 nach England ein. Das englische Parlament hatte die Reformation der Kirche von England beschlossen, und 1644 wurde in Westminster die „Westminster Confession“ verabschiedet (mit Einfluss auch schottischer Reformierter) – es ist das wichtigste Bekenntnis des angelsächsischen Calvinismus geworden und hat in Schottland die Confessio Scotica abgelöst.
Im Jahre 1662 wurde auf Druck des englischen Königs Karls II. das Bischofssystem wieder eingeführt, mit ihm selber an der Spitze; in Schottland wurde das anglikanische Kirchenmodell ohne Änderung von bisherigem Bekenntnis und Kultus vorgeschrieben. Der Widerstand in Schottland war groß; mehr als 300 Pastoren verweigerten die Anerkennung und wurden abgesetzt. Die Folge waren Versammlungen unter freiem Himmel oder in Scheunen. Nur sechs Jahre später wurde diesem „Spuk“ ein Ende gemacht, weil Wilhelm von Oranien nach England einmarschierte und der Nachfolger Karls II., James II., floh.
Jedoch gab es in der Schottischen Kirche eine theologische Spaltung, die schließlich auch zu einer organisatorischen Teilung der schottischen Kirche führte. Die Gemäßigten (Moderates) übernahmen unter Einfluss der Aufklärung, des Deismus und teilweise auch des Unitarismus teilweise rationalistische Gedanken, setzten die christliche Identität weitgehend mit ethischen Verhaltensweisen gleich und wandten sich demzufolge gegen das bisherige orthodoxe calvinistische Lehrgut. Auf der anderen Seite standen die Evangelikalen (Evangelicals), die als Erben der reformierten Orthodoxie gelten können, jedoch zuweilen „Kultur“ mit Weltverfallenheit identifizierten. Nach heftigen Auseinandersetzungen kam es Anfang des 18. Jahrhunderts zu Trennungen, die alle das Verhältnis der Kirche zum Staat zur Ursache hatten. Zunächst bildeten sich im 18. Jahrhundert die „Secession Church“ und die „Relief Church“, die sich 1847 zur „United Presbyterian Church“ vereinigten; der große Bruch geschah aber erst 1843. Die Evangelikalen verließen die Generalversammlung; ca. ein Drittel der bisherigen Kirche konstituierte sich zur „Free Church“. In den ersten zwei Jahren wurden ca. 500 Kirchen und mehrere Colleges errichtet.
Im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm auch in den eher als orthodox geltenden Kirchen die Bedeutung der Westminster Confession ab; nachdem 1879 die „United Presbyterian Church“ eine Relativierung der Westminster Confession beschloss, nach der in solchen Punkten Meinungsfreiheit besteht, die nicht die Substanz des Glaubensbekenntnisses betrifft, folgte 1892 eine entsprechende Erklärung seitens der Freikirche. 1900 schlossen sich diese beiden Kirchen zusammen, und 1929 folgte eine große Vereinigung der neuen vereinten Kirche mit der bisherigen Staatskirche zur „Church of Scotland“. Gleichzeitig gibt es in Schottland noch mehrere freie presbyterianischen Kirchen, die sich z.T. im 19., z.T. aber auch erst im 20. Jahrhundert abgespalten haben und gegen die Vereinigung protestierten, sie bilden heute zum größten Teil die „United Free Church of Scotland“ mit ca. 20 000 Gliedern in 115 Gemeinden. Die Church of Scotland besteht heute aus ca. 1555 Gemeinden und 630000 Gliedern.

 

5. Italien (Waldenser)
 

Die bereits vor der Reformation entstandene Waldenser-Bewegung hatte sich nach reiflicher Überlegung 1532 der reformierten Reformation angeschlossen (siehe Lektion 1). Damit veränderte sie ihr Gesicht: aus einer nicht sonderlich organisierten Gemeinschaft wurde eine verfasste Kirche mit klarer Organisation. Die Waldenser hatten Ausstrahlung und wuchsen. Im Jahre 1555 wurden die ersten eigenen Kirchengebäude errichtet, ein Zeichen für die Ausrichtung in die Öffentlichkeit hinein, ein Ausdruck auch von Selbstbewusstsein. Jedoch währte die Phase der Expansion nur kurz. Im Zuge der Gegenreformation wurden alle Gemeinden bis auf einen kleinen Rest in den Piemont-Tälern vernichtet; die Waldenser waren wieder auf ihre alten Gebiete um ihren Hauptort Torre Pelice begrenzt. In diesem Alpenghetto verbrachten die Waldensergemeinden ca. 150 Jahre, wobei sie zwar nicht immer verfolgt, aber doch immer unterdrückt wurden – die unzugängliche Region und die Intervention einzelner Schweizer Kantone und Englands verhinderten Schlimmeres. Am Anfang des 18. Jahrhunderts setzte eine starke Rekatholisierung ein und in der Folge verließ ein Teil der Waldenser das Piemont, zog nach Württemberg und gründete dort neue Gemeinden. In diesem Zusammenhang ist auch Henri Arnaud (1641-1721) zu nennen. Er floh zunächst 1685 aus dem Piemont nach Genf, kehrte von dort zurück und wurde 1699, nachdem er wieder vertrieben wurde, Pfarrer in der Waldenserkolonie Dürrmenz-Schönenberg (Württemberg). Nach 1848 bekamen die Waldenser in Italien volle bürgerliche Rechte; in Zusammenhang mit einer erwecklichen Frömmigkeit und daraus erwachsenden missionarischen Aktivitäten entstehen an vielen Orten in Italien kleine Waldensergemeinden (z.B. Turin, Florenz, Rom und Sizilien); daneben gab es Auswanderungen, vor allem in das Gebiet am Rio de la Plata in Südamerika. 1905 vereinigten sich die alten und neuen Gemeinden zur „Chiesa Evangelica Valdese“ (Evangelische Waldenserkirche). Heute hat die Waldenserkirche in Italien ca. 135 Gemeinden mit ungefähr 28 000 Mitgliedern, davon leben ca. 11 000 in den Piemonttälern; ihre Arbeit hat einen deutlichen diakonischen Schwerpunkt. Die Waldenserkirche besitzt auch eine eigene Fakultät in Rom.

 

6. Die Evangelische Kirche
der Böhmischen Brüder
 

In Böhmen und Mähren existierte zur Zeit der Reformation die vor allem auf hussitische Wurzeln zurückgehende „Böhmisch-mährische Brüderunität“, die aber auch waldensische und andere Traditionen integriert hatte. Zwischen dem die Brüderunität zu Anfang des 16. Jahrhunderts prägenden Bruder Lukas und Martin Luther gab es Kontakte. Jedoch entwickelte sich die Brüderunität im Zusammenhang der konfessionellen Auseinandersetzungen eher in Richtung der reformierten Kirche. Ab 1618 wurde Böhmen und Mähren zwangsweise rekatholisiert, nachdem die kaiserlichen habsburgischen Truppen das ständische Heer geschlagen hatten. 27 geistige Führer wurden hingerichtet und verstümmelt. Über 1200 Geistliche mussten das Land verlassen. Mit ihnen gingen mehr als 36 000 Familien – die Bevölkerung wurde auf ein Drittel reduziert; die vorherige Blüte und der Wohlstand des Landes wurden so vernichtet. Neben Sachsen waren Schlesien und auch Polen Emigrationsziele; ein anderer Teil ging in den Untergrund. In Polen wurde Jan Amos Comenius im 17. Jahrhundert bedeutendster Theologe und Senior. Das ‚Toleranzpatent‘ des Habsburger Kaisers Joseph II. aus dem Jahre 1781 gestattete wieder die evangelische Konfession; und in der Folge schlossen sich ungefähr 66000 Tschechen der reformierten Kirche an; bis 1789 entstanden 73 Gemeinden. ...
Jedoch war keine Gleichberechtigung der Konfessionen erreicht; so mussten die Evangelischen u.a. die römisch-katholischen Pfarrer mitbezahlen – Evangelische waren zugelassen, aber vom Staat nicht gerne gesehen. Bis 1861 wuchs die reformierte Kirche langsamer als die Bevölkerung, nur fünf Gemeinden kamen hinzu. In diesem Jahr beschloss der Kaiser Franz Joseph I. das sog. „Protestantenpatent“: die Evangelischen bekamen jetzt gleiche Rechte, sowohl die lutherische wie die reformierte Kirche wuchsen kräftig. Im Jahre 1919 vereinigten sich die reformierte und die lutherische Kirche zur „Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder“ – der Name drückt eine Kontinuität der böhmischen Geschichte aus. In den Folgejahren schlossen sich viele ehemalige Katholiken dieser Kirche an; nach 1945 wurde die Kirche jedoch wesentlich kleiner. Heute gehören der „Kirche der Böhmischen Brüder“ 13000 Gemeindeglieder in 264 Gemeinden an; wichtig für die Kirche ist die Comenius-Fakultät in Prag.

 

7. Ungarn
 

Nach Ungarn wurde die Reformation wohl schon um 1520 herum vor allem durch Studenten vermittelt, die an westeuropäischen Universitäten studiert hatten. Ab 1526 war Ungarn von der Türkenherrschaft bestimmt; in ihrer Folge ergab sich eine Dreiteilung des Landes: der Westen wurde habsburgisch, der mittlere Teil türkisch, Siebenbürgen blieb zunächst selbständig, wurde dann aber türkisches Protektorat. Diese weiten Teilen der ungarischen Bevölkerung kaum verständliche Fremdherrschaft wurde von den in Ungarn tätigen Reformatoren dahingehend aufgegriffen, dass sie sie als Folge der verderbten Zustände auch in der Kirche sehen; sie riefen deshalb zur Umkehr auf. Ihre Predigt hatte Erfolg. Nach lutherischen Anfängen gewinnt die reformierte Richtung ab den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts großen Einfluss; hier sind vor allem Mihály Sztárai (+ 1578) und István Szegedi Kis (1506-1572) zu nennen, die als Prediger auftraten. 1567 trat in Debrecen die erste Synode zusammen und nahm das „Zweite Helvetische Bekenntnis“ (Confessio Helvetica Posterior) an (vgl. Lektion 6). Allerdings wurde keine einheitliche Kirche geschaffen, weil sie in verschiedenen Territorien existierte. Im 17. Jahrhundert erwuchs in Ungarn eine bis in die Gegenwart hinein bedeutsame puritanische Frömmigkeitsbewegung als Reaktion auf die erstarrende Orthodoxie: sie betonte vor allem die „praxis pietatis“ im Alltag. In den Habsburger Landesteilen wütete ab 1671 die Gegenreformation – mehr als 40 Pfarrer und Lehrer, die nicht zur Konversion bereit waren, wurden zur Galeerensklaverei verurteilt. Ende des siebzehnten Jahrhunderts eroberte Habsburg den türkischen Mittelteil Ungarns und setzt hier auch gegenreformatorische Pressionen gegen die Evangelischen durch. Von 1711 bis 1718 verbesserte sich die Lage insofern, als dass die blutige zur unblutigen Gegenreformation wird. Die Konsequenzen der Gegenreformation für die reformierte Kirche Ungarns, zu der Ende des 16. Jahrhunderts die Mehrheit der Bevölkerung gehörte, bestanden darin, dass sie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stark dezimiert wurde. In Folge des „Toleranzpatents“ des Habsburger Kaisers Josef II. von 1781 bekam die reformierte Kirche äußere Freiheit. Erste organisatorische Strukturen für ganz Ungarn wurden ins Auge gefasst, auch wurden viele neue Bethäuser gebaut. 1881 wurde auf der Generalsynode von Debrecen die Reformierte Kirche von Ungarn offiziell geschaffen. Allerdings ging diese äußere Erstarkung und Selbstständigkeit mit einer im Zusammenhang des Liberalismus stattfindenden inneren Entleerung einher. Erst nach dem Ersten Weltkrieg begann eine Phase der Neuorientierung. Die Kirchenleitung selbst suchte ihren staatlichen Einfluss durch große Nähe zu nationalistischen Positionen zu stärken; so war sie kaum in der Lage, Kritik an der faschistenfreundlichen Politik der ungarischen Regierung während des Zweiten Weltkriegs zu äußern. Auch in der Zeit nach 1945 gab es zuweilen eine problematische Nähe zum nunmehr sozialistischen Staat.
Heute leben nach synodal-presbyterialem Prinzip in vier Kirchendistrikten in Ungarn ca. 2 Millionen Reformierte; die reformierte Kirche besitzt zwei Fakultäten in Budapest und Debrecen.

 

8. Rumänien
(Siebenbürgen)
 

Bis 1541 ist Siebenbürgen (oder Transsilvanien) Teil des ungarischen Königreichs, bevor es bis Ende des 17. Jahrhunderts autonomes türkisches Protektorat wird. Herausragender Reformator Siebenbürgens ist Johannes Honterus, der 1542 in Kronstadt die (lutherische) Reformation einführt. Bis ca. 1550 war die ganze Kirche in Siebenbürgen unter Anführung des Klerus evangelisch geworden, wobei zunächst ein gemäßigtes Luthertum in der Tradition Philipp Melanchthons übernommen wurde. Ab 1550 wendet sich jedoch die Mehrheit der Siebenbürger Kirche der reformierten Richtung zu, wobei die Pastoren Gregor Szegedi und Peter Méliusz Juhasz in besonderer Weise wichtig sind: Im Streit um die Art und Weise der Gegenwart Christi im Abendmahls vertraten sie ein vom ganzen Christusgeschehen ausgehendes Verständnis: Es gibt keine Gemeinschaft mit dem Leib Christi ohne den Glauben an ihn; der „Leib lebt vom Geist“. Diese der calvinischen Lehrauffassung entsprechende Position überzeugte die Siebenbürger Kirche nach und nach, 1564 gilt als das Anfangsjahr der reformierten Kirche in Siebenbürgen, und bis 1567 entschieden sich die meisten Pfarrer für die reformierte Reformation. 1565 wurde in Klausenburg (heute: Cluj Napoca / Kolosvar) der Heidelberger Katechismus eingeführt. Allerdings unterstützt der Staat ab 1566 bis 1571 zunächst den Unitarismus (Antitrinitarismus) – noch heute gibt es in Siebenbürgen unitarische Gemeinden. Und 1571 wurde der Katholik Stephan Báthori Fürst von Transsilvanien; er unterstützte die römisch-katholische Kirche und half darüber hinaus vor allem den Lutheranern. Dennoch galt weiterhin der Grundsatz, dass jede Stadt ihre eigene Konfession wählen konnte. Die siebenbürgischen Fürsten arbeiteten mit Habsburg zusammen, und es drohte eine Rekatholisierung. Jedoch gelang es im sog. langen Krieg von 1593-1606 dem reformierten Hochadel, die Herrschaft in Siebenbürgen zu erringen, wobei die Oberherrschaft der Türken das Reformiertentum eher begünstigte, weil sie eine gemeinsame anti-habsburgische Front bildeten. Die für die reformierte Kirche positive Lage ändert sich ab 1692, als in Folge der habsburgischen Besetzung Siebenbürgens die reformierte Kirche unterdrückt wurde: Kirchengebäude wurden konfisziert, der Gebrauch des Heidelberger Katechismus verboten. Eine völlige Rekatholisierung wurde durch den Aufstand gegen die Habsburger (1705-1711) verhindert. Und erst das Toleranzpatent von 1781 brachte langsam Erleichterungen; gleichzeitig fand wie auch andernorts eine Entleerung des kirchlichen Lebens statt. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt es zu Erneuerungen auf verschiedenen Ebenen; so wurden z.B. neue Schulen, Kirchen und Pfarrhäuser gebaut, auch die theologische Fakultät in Klausenburg wurde neu organisiert.
Nach dem Ersten Weltkrieg wird Siebenbürgen Teil Rumäniens; nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Reformierte Kirche in der Volksrepublik Rumänien gegründet, die über Siebenbürgen hinausreicht. Heute leben in zwei Distrikten über 725 000 Reformierte in knapp 800 Gemeinden.

Lektion 5 der Vorlesungsreihe von Dr. Georg Plasger, Göttingen

 

 

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