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Karl Barth
(von Gottfried Wehr)

Zum 115. Geburtstag des großen ev.-reformierten Theologen am 10. Mai 2001.

Reformiert-schweizerische "Importe" - so könnte man beide nennen: Albrecht von Haller aus Bern, 1753 Gründer unserer Gemeinde, und den Theologen Karl Barth aus Basel, 1924/25 an der Universität Göttingen Professor für reformierte Theologie. Barth gilt als bedeutendster protestantischer Theologe des 20. Jahrhunderts. Am 10. Mai 2001 wäre Barth 115 Jahre alt geworden.

 

Benz und Barth
 

Vor 115 Jahren, 1886, bewegte der erste "Benz" sich selbst (und dann die ganze automobile Welt). Und Karl Barth, im gleichen Jahr in Basel geboren, war "Motor" einer neuen Epoche in der Geschichte der Theologie. Barth hat die auf die Predigt gerichtete Theologie, das Nachdenken über Gott in vielen - nicht nur reformierten - Gemeinden nachhaltig geprägt. Für Barth gehört beides untrennbar zusammen: das kritische, immer neue Entdecken und Verstehen der Bibel, und die kritische Auseinandersetzung mit dem "Zeitgeist", der meint, ohne Gott auszukommen.

 

Immer schon alles fertig ohne Gott

 

 

"Es war", schrieb Barth 1920 kritisch, "immer schon alles fertig ohne Gott". War von Gott die Rede, dann sollte er "immer gut genug sein zur Ausführung und Krönung dessen, was die Menschen von sich aus begannen". So musste Gott auch die Politik rechtfertigen, die zum 1. und zum 2. Weltkrieg führte. Barth folgt konsequenter als andere dem alten Ansatz reformierter Theologie: "reines", "weltloses" Wort Gottes kann es gar nicht geben. Gottes Wort trifft "senkrecht von oben" die Welt in allen ihren Bereichen, auch in dem politischen. Barth ist richtungsweisend für die Gemeinde heute, richtungsweisend auch im Blick auf Zukunftsfragen.

In Göttingen wohnte Barth mit seiner Familie vier Jahre am Nikolausberger Weg 66 - "ein etwas geheimrätliches Haus im bessern Quartier von Göttingen", wie er es nannte. Zu seinen Nachbarn zählten der sozial-liberale Philosoph Leonard Nelson und der deutsch-national gesinnte Rechtsanwalt Luetgebrune, Presbyter der Reformierten Gemeinde. - Barth wird 1925 Professor in Münster, 1930 in Bonn, wo er wegen seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus 1935 entlassen wird; dann (nach Gastprofessur 1946/47 in Bonn) in Basel (bis 1961). Dort starb er am 10. Dezember 1968.

 

Heilmann holt Barth
 

Barth schreibt als junger Pfarrer im schweizerischen Safenwil einen "Kommentar" zum Römerbrief des Apostels Paulus. "Aus der Not meiner Aufgabe als Pfarrer bin ich dazu gekommen, es mit dem Verstehen- und Erklärenwollen der Bibel schärfer zu nehmen".

 

Adam Heilmann, Pastor der Göttinger reformierten Gemeinde, hatte sich zusammen mit anderen darum bemüht, den Ausleger des "Römerbriefs" für den reformierten Lehrstuhl an der Göttinger Universität zu gewinnen. Barth schrieb später: "Was den emeritierten Pastor Adam Heilmann in Göttingen, der die Sache an Ort und Stelle mit höchstem Nachdruck ins Werk setzte, dazu bewog, gerade mich dorthin zu holen, war wohl sicher .... dass sie mich mit diesem Buch (der 1. Auflage des Römerbriefs) so leidenschaftlich mit der Heiligen Schrift beschäftigt sahen".
Den Prediger Heilmann überzeugte das von Barth formulierte Ziel: "Die Aufgabe der Theologie ist eins mit der Aufgabe der Predigt. Sie besteht darin, das Wort des Christus aufzunehmen und weiterzugeben".

 

9000 Seiten Selbstprüfung

 


 

Auch Barths großes Lebenswerk, die "Kirchliche Dogmatik" mit über 9000 Seiten, die "wissenschaftliche Selbstprüfung der Kirche, ob sie richtig von Gott redet", ist leidenschaftliche Auslegung der Bibel, Rede von Gott mit dem Ziel der Predigt. Aber Barth gerät "ins Gedränge", wenn er Gott predigen will und zugleich die Folgenlosigkeit seiner Predigt sieht. "Denk", schreibt er einem Freund, "ich sah heute vor der zweiten Predigt zum Fenster hinaus, wie die Safenwiler fröhlich im Sonnenschein spazieren gehen, statt noch einmal in die Kirche zu kommen, und ich begriff sie so gut, ... obwohl ich theoretisch dachte, sie sollten das von den Sündern und der Freude im Himmel noch hören. Ich kann es ihnen eben jetzt einfach noch nicht so sagen und wer weiß, ob je? - dass sie hören müssen. Unterdessen gehen sie mit vollem Recht hemdärmelig spazieren".
Wie aktuell! Ich frage mich als Pastor, wie ist es mir möglich zu predigen? Und das "wie" meint nicht: Wie mache ich das, predigen? (Das habe ich zum Teil im Seminar gelernt, etwas auch bei Karl Barth in Basel; mir helfen die wissenschaftlichen Bibel-Auslegungen und die "Predigt-Meditationen", ein Stück weit jedenfalls).

Als Pfarrer predigte Barth bis ins hohe Alter regelmäßig in der Basler Strafanstalt. Nach seinem Tod bekundeten die Strafgefangenen: "Er hat uns verstanden, er hat uns getröstet."

Wichtiger ist für mich die Frage des Pfarrers von Safenwil: Wie kann ich das - von Gott reden in einer Welt, die ganz und gar so lebt, als gäbe es Gott nicht? Ich kann von Gott reden. Nicht weil das Predigen meine Aufgabe, der professionelle Job des kirchlichen Beamten ist. Ich kann es, weil mich die einfache und so anspruchsvolle Wahrheit des Heidelberger Katechismus (Frage 1) herausfordert und überzeugt: Dass ich meinen "einzigen Trost im Leben und im Sterben", also das, worauf ich mich heute und immer unbedingt verlassen kann, nicht bei mir selber suchen muss. Ich setze darauf, dass mich von außen her, "senkrecht von oben" ein Wort, Gottes Wort erreicht, das mir Leben, Zukunft und Hoffnung zusagt. Dieses Wort ist nicht mein Privatbesitz. Ich sage es "öffentlich" und "offen heraus", am Sonntagmorgen oder wann immer.

Das ist Predigt: das Notwendige und Notwendende "offen sagen". Predigt ist zugleich alles, was sich nicht nur von mir, sondern von jeder und jedem in der Gemeinde aufgrund des lebensnahen Wortes der Bibel sagen, denken und glauben lässt. Bert Brecht, gewiss kein Frommer, auf die Frage nach seinem wichtigsten Buch: "Sie werden lachen, die Bibel". In Gesprächen, bei Bibelabenden lassen sich die Texte der Bibel neu lesen und studieren - die Texte, in denen Gott gesucht oder leidenschaftlich bestritten wird, Texte, die eine zerbrochene Welt zeichnen - mit der Spur der Hoffnung, wie unsere Welt sie braucht: Trost, Frieden, Zukunft. Wenn diese Texte im "Umfeld" der Predigt reden, wird deutlicher, farbiger, einsichtiger, warum die Predigt als "öffentliche Ansage Gottes" notwendig ist. Auch wenn das Predigen "ins Gedränge" bringt; denn Gott bleibt der Widerspruch. Aber eben der Widerspruch, der das Heil der Welt will.

 

Widerspruch
 

Karl Barth schrieb bereits 1920 "Es war immer schon alles fertig ohne Gott", und setzte leidenschaftlich dagegen sein "Gott zuerst! Zuerst Gott!". Gottes Wort bleibt Voraussetzung für Glauben und Tun der Menschen - auch im gesellschaftlichen und politischen Bereich. "Dominus dixit" - der Herr hat gesprochen - das ist für Barth der Ausgangspunkt. Nachdem Gott gesprochen hat, kann alle Theologie nur ein Nach-sprechen sein, wird aber oft ein Widersprechen, und muss oft Widerspruch sein.
Besonders dann, wenn Gott den Menschen dienstbar gemacht und vor den "Karren" ihrer Gedanken oder ihrer Politik gespannt werden soll. Barth erinnert sich an den 4. August 1914, wenige Tage nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs. Es sei für ihn ein "schwarzer Tag" gewesen, als die meisten deutschen Theologen sich im "Manifest der 93 Intellektuellen" zur Kriegspolitik Kaiser Wilhelms II. bekannten. 20 Jahre später, 1934, sind die sechs "Sätze" der "Barmer Theologischen Erklärung", die scharfe Abgrenzung gegen den Herrschaftsanspruch der Nazi-Ideologie, im Wesentlichen Barths Werk:
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben (These 1).Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen (These 3).

 

Nein ohne jedes Ja
 

Nach dem 2. Weltkrieg lehnt Barth die deutsche Wiederbewaffnung ab. Während er dem prinzipiellen Pazifismus kritisch gegenübersteht (z.B. für den Notwehrfall), ist sein Standpunkt in der Atomwaffen-Diskussion von 1958 eindeutig. Er nennt ein Ja zu diesen Waffen oder Neutralität in dieser Frage eine Verleugnung des christlichen Glaubensbekenntnisses.In unserer Gemeinde hat 1983 die "Erklärung des Reformierten Bundes" zur Friedensfrage mit ihrem "Nein ohne jedes Ja" zu den Massenvernichtungsmitteln zu Protest und Zustimmung, Austritten aus der Gemeinde und Eintritten geführt. Es war vielen neu, daß die Diskussion der "Friedensfrage als Bekenntnisfrage"überhaupt nicht neu, sondern 1983 schon 25 Jahre "alt" gewesen ist.

 

Nicht die Ohren hängen lassen
 

Am Tag vor seinem Tod 1968 meinte Barth in einem Gespräch mit einem Freund: "Ja, die Weltlage ist dunkel". Aber er fügte hinzu: "Nur ja die Ohren nicht hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht in Moskau oder in Washington oder in Peking, sondern es wird regiert, und zwar hier auf Erden, aber ganz von oben, vom Himmel her. Gott sitzt im Regimente. Darum fürchte ich mich nicht".

 

Revolutionäre Erkenntnis
 

Barth ist, so scheint mir, ein prophetischer Theologe gewesen. Er hat schon früh in der Nazizeit und zu Beginn des "Atomaren Zeitalters" das jeweils fällige und somit - im vorhinein - das für heute notwendige Wort gesagt. Was nicht heißen kann, daß Reformierte, Barth zitierend, schon das Notwendige gesagt haben. Aber von ihm ist zu lernen, dass ein schiedlich-friedliches Nebeneinander von Gottes Wort und weltlichen Verhältnissen nicht möglich ist. Denn Gottes Menschenfreundlichkeit ist so groß und so entschieden, dass er um des Menschen willen die Zukunft der Welt und darum auch - ganz konkret - den Weltfrieden will.
"Was die Welt braucht, ist die revolutionäre Erkenntnis, dass sie durch die Liebe, in der Gott sie geliebt hat, ... befreit ist zu einem Leben, das den Krieg in jeder Form überflüssig macht, aufhebt und ausschließt" (Karl Barth).
Die Friedensbotschaft der christlichen Kirche ist heute, in der Zeit relativer politischer Sicherheit im nördlichen Mitteleuropa, kaum noch zu vernehmen. Aber angesichts beschlossener oder drohender Nato-Einsätze (auch der Bundeswehr) wird die Kirche, wenn sie schweigt, ihren Friedensauftrag verfehlen und ihre Neutralität feiernd zum "stummen Hunde" werden.

 

Stummer Hund

 

"Eine Kirche, die aus lauter Angst, nur ja nicht in den Schein zu kommen, Partei zu ergreifen, nie und nimmer Partei zu sein sich getraut, sehe wohl zu, ob sie sich nicht notwendig kompromittiere: mit dem Teufel nämlich, der keinen lieberen Bundesgenossen kennt als eine um ihren guten Ruf und sauberen Mantel besorgte ewig schweigende, ewig meditierende, ewig neutrale Kirche: eine Kirche, die allzu bekümmert um die doch wirklich nicht so leicht zu bedrohende Transzendenz des Reiches Gottes - zum stummen Hunde geworden ist." Karl Barth

 

Feindliche Übernahme?
 

Der Frieden ist heute jenseits aller militärischen Konflikte auch auf einem ganz neuen Gebiet bedroht. Vor 15 Jahren half das Schlagwort "Frieden mit der Natur" das bedrohte ökologische Gleichgewicht zwischen Mensch und Umwelt zu erkennen. Heute geht es darüber hinaus um die Frage, ob der "Frieden mit der Geschöpflichkeit" gewahrt bleibt. "Geschöpflichkeit" sieht den Menschen als Teil der Schöpfung Gottes. Ist diese Bestimmung noch gewahrt, wenn es der Biotechnologie und der Fortpflanzungsmedizin möglich wird, den Menschen selber zu verändern oder ihn genetisch neu zu entwerfen? Hat die Forschung hier nicht - angesichts drohender Grenzüberschreitung - eine "Friedenspflicht"?Der Friede mit der Geschöpflichkeit ist bedroht, wenn "Menschen nach Plan" zu erlaubten, ja gebotenen Entwicklungszielen erklärt werden. Die aggressive Form der Zellforschung in Amerika und Australien gleicht einer "feindlichen Übernahme" - nur dass hier nicht ein Wirtschaftsriese den Schwächeren schluckt, sondern eine bestimmte Forschungsrichtung ethische und theologische Positionen "abräumt". Die Gefahr ähnlicher Entwicklung bei uns ist nicht zu übersehen.

 

Gotteskomplex
 

Kirchen und Christen steht eine naive Klage gegen Forschung schlecht an. Sie müssen aber genau hinhören, wenn die Geschöpflichkeit zum überholten Denkmuster erklärt wird. Befreiend klar finde ich die Konsequenz, wie Karl Barth immer wieder sein "Gott zuerst! Zuerst Gott!" betont - gegen den Anspruch der Menschen, wie Gott oder anstelle Gottes zu handeln. Hier wird, jenseits aller theologischen Schwärmerei, der Maßstab gesetzt. Er richtet sich gegen den "Gotteskomplex" - so nannte der Psychologe Horst-Eberhard Richter den anmaßenden, zwanghaften Wunsch, Gott auszuklammern und dann auf allen Ebenen selber Gott zu sein. "Frieden mit der Geschöpflichkeit" heißt hier: dass der Mensch und seine winzige Urform nicht zum planbaren Objekt degradiert wird.

Barth war, was die Sondermarke der Bundespost kaum vermuten lässt, ein humorvoller Mensch, ein "fröhlicher Patron des lieben Gottes", wie er sich selber nannte. Von seinem Basler Witz zeugt eine reizende Anekdote: Während seiner Soldatenzeit hört einer seiner Kameraden seinen Namen und fragt ihn, ob Barth auch den berühmten Professor Karl Barth kenne? Natürlich kenne er ihn, antwortete er, "Ich rasiere ihn ja jeden Morgen". "Ach, dann sind Sie sein Friseur?" - Eine seiner vielen Ehrendoktorwürden nahm er mit der Bemerkung entgegen: "Wenn ich je die Chance habe, in den Himmel zu kommen, so werde ich all diese Ehrendoktorhüte gleich bei der Garderobe abgeben müssen".
 

Die Engel lachen

 

 

Karl Barth in eigener Person:

Barth beim Vortrag der "Kirchlichen Dogmatik" (1961).

"Die Engel lachen über den alten Karl. Sie lachen über ihn, weil er die Wahrheit Gottes in einer Dogmatik fassen will! Sie lachen darüber, dass Band sich an Band reiht, jeder dicker als der andere. Lachend sagen sie zu einander: Seht, da kommt er mit seinem Handwägelchen voll Dogmatiken... Und sie lachen über die Menschen, die so viel über Karl Barth schreiben..., statt sich mit der Sache selbst zu beschäftigen. Ja, die Engel lachen!"

 

 

 

   
 
 
 
  
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